🔸Über Eigentum, Status und Dominanzmilieus – und warum die ostdeutsche Transformation politisch noch nicht vorbei ist
*Stand der aktuellen politischen Daten: 22. August 2026*
Es gibt einen Satz, den Ostdeutsche seit Jahrzehnten hören: Die deutsche Einheit habe den Westen Billionen gekostet. Diese Größenordnung ist nicht erfunden. Nach einer von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Berechnung summierten sich die Nettotransfers bis 2016 auf rund 1,72 Billionen Euro. Zusammen mit bestimmten einmaligen Sonderkosten der Einheit ergibt sich ein Betrag von etwa 1,91 Billionen Euro. Mit diesem Geld wurden Renten finanziert, Arbeitslosigkeit abgefedert, Straßen gebaut, Innenstädte saniert, ökologische Altlasten beseitigt und eine Infrastruktur modernisiert, die das dringend nötig hatte. [1]
Mein Problem beginnt dort, wo diese Zahl nicht mehr als Teil einer volkswirtschaftlichen Betrachtung erscheint, sondern als moralische Rechnung: So viel hat der Westen bezahlt, so viel hat der Osten bekommen. Seid also dankbar. Denn eine Bilanz hat immer zwei Seiten. Wenn man die Transfers betrachtet, müsste man auch fragen, wem nach 1990 das privatisierte Vermögen gehörte, wem es heute gehört und wohin die Erträge daraus fließen. Darüber hinaus wurde nach der Einheit nicht nur Eigentum neu verteilt. Neu bewertet wurden auch Berufsabschlüsse, soziale Stellung, Netzwerke und gesellschaftliche Deutungsmacht.
Die Ostdeutschen waren 1990 keine passiven Opfer, sondern trieben die schnelle Vereinigung voran. Trotzdem glaube ich, dass wir nach mehr als dreieinhalb Jahrzehnten genauer darüber reden sollten, was bei dieser Vereinigung außer Geld noch übertragen und neu bewertet wurde. Möglicherweise gehört diese Geschichte zum Hintergrund einer politischen Entwicklung, die jetzt im Osten sichtbar wird.
🔸Die zwei Billionen und die andere Seite der Bilanz
Ein großer Teil der West-Ost-Transfers bestand aus Sozialleistungen. Eine Rente an einen ehemaligen DDR-Arbeiter ist notwendig, aber sie macht ihn nicht zum Eigentümer eines Unternehmens. Arbeitslosengeld für jemanden, dessen Betrieb geschlossen wurde, baut kein Privatvermögen auf. Parallel dazu fand Anfang der neunziger Jahre eine umfassende Neuordnung des ostdeutschen Produktivvermögens statt.
Für die Treuhand-Privatisierungen wird häufig eine Größenordnung genannt, nach der etwa 85 Prozent des betreffenden Firmenvermögens an westdeutsche, knapp zehn Prozent an ausländische und nur ein kleiner Rest an ostdeutsche Käufer ging. Je nach Bezugsgröße und Privatisierungsform unterscheiden sich die Angaben, weshalb man mit den 85 Prozent nicht sorglos arguementieren sollte. Der Befund einer stark westdeutsch dominierten Eigentümerstruktur ist jedoch gut belegt. [2]
Ökonomisch ist das nicht überraschend. Nach vierzig Jahren DDR verfügte die Bevölkerung kaum über privates Großkapital. Nun traf sie auf Käufer aus einer Gesellschaft, in der Familienvermögen, Unternehmensbesitz, Immobilien, Banksicherheiten und geschäftliche Netzwerke über Jahrzehnte gewachsen waren. No level playing field in 1990.
Beim Immobilienbesitz zeigt sich das Problem bis heute. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung schreibt, dass Ostdeutsche wegen ihres geringeren Vermögens schlechtere Voraussetzungen hatten, Wohneigentum zu erwerben, und dass deshalb nach der Wiedervereinigung vor allem Westdeutsche in ostdeutsche Immobilien investierten. Das Ergebnis findet sich in der Vermögensstatistik wieder: 2021 verfügte ein ostdeutscher Haushalt im Durchschnitt über ein Nettovermögen von rund 150.900 Euro, ein westdeutscher über 359.800 Euro. Das ostdeutsche Durchschnittsvermögen lag damit bei rund 42 Prozent des westdeutschen. [3]
Man kann nicht 1,91 Billionen Euro Transfers nehmen, heutige Immobilienwerte abziehen und anschließend einen Saldo ausweisen, den irgendeiner dem anderen schuldet. Viele Betriebe benötigten hohe Investitionen, manche waren unter Marktbedingungen nicht überlebensfähig. Traditionelle Absatzmärkte brachen zusammen. DDR-Buchwerte lassen sich nicht einfach in D-Mark übersetzen. Auch westdeutsche Unternehmen profitierten ihrerseits von zusätzlicher Nachfrage aus den neuen Ländern. Die Bundeszentale für politische Bildung weist darauf hin, dass eine Kosten-Nutzen-Bilanz der Einheit deshalb komplexer ausfällt als die verbreitete Billionensumme.
Eine umfassende Eigentums- und Ertragsbilanz müsste deshalb beide Seiten gemeinsam erfassen: die öffentlichen Transfers ebenso wie die Verteilung von Unternehmen, Immobilien, Boden und anderem Sachvermögen nach 1990, deren Wertentwicklung sowie die seither geflossenen Erträge. Eine solche Gesamtrechnung kenne ich nicht.
Die Frage lässt sich einfacher formulieren:
Wem gehört der Osten – und wer entscheidet über ihn?
Mit dieser Frage stehe ich offenbar nicht allein. Der Soziologe Steffen Mau stellt im August 2026 in der F.A.Z. fest, die Bilanz der deutschen Einheit sei „bis heute ungeschrieben“. Auch er fordert, den öffentlichen West-Ost-Transfers die privaten Kapital- und Gewinnströme in umgekehrter Richtung gegenüberzustellen. Mau verweist außerdem auf einen weiteren Gegenposten: Knapp zwei Millionen Menschen seien seit 1989/90 per Saldo von Ost nach West gegangen. Die von diesen Zuwanderern heute im Westen erzeugte Wertschöpfung hält er – je nach angenommener Erwerbsquote und Produktivität – in einer Größenordnung von 80 bis 100 Milliarden Euro pro Jahr für plausibel.
🔸Die Währungsreform des sozialen Status
Denn 1990 wurden nicht nur Betriebe und Häuser neu bewertet. Auch Menschen bekamen ein neues Preisschild.
Meine Mutter war seit den sechziger Jahren Unterstufenlehrerin. Als die DDR verschwand, hatte sie rund ein Vierteljahrhundert Berufserfahrung. Trotzdem entsprach ihre DDR-Ausbildung nicht dem westdeutschen Qualifikationsschema. Sie musste nochmal die Schulbank drücken.
Derartige Fälle sind dokumentiert. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) spricht bei den DDR-Unterstufenlehrern von einer „formalen Dequalifizierung“ nach der Einheit. Ihre Abschlüsse wurden nicht überall wie ein westdeutscher Grundschullehrerabschluss behandelt. Für tarifliche und laufbahnrechtliche Gleichstellung waren teilweise Anpassungsqualifikationen notwendig. [4]
Die betroffenen Menschen waren am 2. Oktober nicht kompetent und am 4. Oktober plötzlich inkompetent. Geändert hatte sich das Bewertungssystem. Fähigkeiten, Berufserfahrung und Abschlüsse bekamen innerhalb weniger Monate einen anderen gesellschaftlichen Kurswert.
Man könnte deshalb neben der Währungsunion von einer **Währungsreform des sozialen Status** sprechen. Bestimmte DDR-Abschlüsse, Karrierewege und Netzwerke verloren an Wert. Westdeutsche Hochschulabschlüsse, Verwaltungserfahrung, Bankkontakte und berufliche Verbindungen gewannen dagegen zusätzliches Gewicht, weil das nun geltende institutionelle System auf ihnen beruhte.
Das wird übersehen, wenn jetzt Statistiken einfach in Akademiker und Nichtakademiker geteilt werden. Ein Facharbeiter war in der DDR keineswegs automatisch „bildungsfern“. Eine Lehre dauerte häufig zwei Jahre. Mit achtzehn konnte ein Facharbeiter sein Geld verdienen und gesellschaftlich einen durchaus respektablen Status besitzen. Gebäudereiniger hatten vielleicht nur 8 Klassen in der Polytechnischen Oberschule absolviert und gehörten trotzdem zu den Spitzenverdienern. Die Einkommensunterschiede zwischen qualifizierten Arbeitern und manchen akademischen Berufen waren gering.
Aus meinem Betrieb: Ein guter Facharbeiter konnte mit Prämien, Überstunden und Verbesserungsvorschlägen um die 1.000 oder 1.100 Mark verdienen. Ein Ingenieur vielleicht 1.300 oder 1.400. Dafür hatte der Ingenieur 8 Jahre länger in der Ausbildung verbracht. Von Männern wurde erwartet, dass sie doppelt so lange wie üblich in der Armee dienen würden - also 3 Jahre. Wer Anfang der achtziger Jahre außerdem mit Kaltem Krieg, NATO-Doppelbeschluss und der verbreiteten Angst vor einem Atomkrieg aufwuchs, konnte mit siebzehn feststellen: Ich mache meine Lehre, verdiene Geld, hau as auf den Kopp und lebe gut, bevor die Bombe einschlägt.
In einer BRD-Statistik steht 2026 bei diesem Menschen nur: bildungsfern und abgehängt.
Auf diesen Unterschied bin ich erneut gestoßen, als ich mir auf dem YouTube-Kanal des Journalisten **Alexander Teske** dessen ausführliches Gespräch mit dem Soziologen Michael Hartmann angesehen habe. Teske, selbst Sachse und früher bei der ARD-Tagesschau tätig, spricht mit einem der bekanntesten deutschen Elitenforscher über soziale Herkunft, Medien, Politik und gesellschaftliche Spitzenpositionen. [5]
Hartmann weist in diesem Gespräch darauf hin, wie schwer sich DDR-Biografien mit westdeutschen Sozialkategorien vergleichen lassen. Zwei Eltern mit Hochschulabschluss, die nach 1990 ihre Stellung verloren und anschließend ärmlich lebten, erzeugen für ihre Kinder ein anderes soziales Umfeld als ein westdeutsches Akademikerpaar mit fester Anstellung, gewachsenem Vermögen und Netzwerk. O-Ton Hartmann: Akademiker und gebildet zu sein sind 2 verschiedene Dinge. Rio Reiser wird der Satz zugeschrieben: Bildungsabschlüsse sagen nichts über deine Intelligenz aus, sondern welcher Klasse du angehören willst.
🔸Das Dominanzmilieu
Mit Hartmann habe ich ein sprachliches Problem. Er spricht von „Elite“. In seiner Wissenschaft ist das wahrscheinlich legitim. Er definiert Elite als Personen, die aufgrund ihrer Spitzenposition gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich beeinflussen können. Hartmann kommt für Deutschland auf eine Kern von ungefähr 1.000 und ein Umfeld von etwa 4.000 Menschen.
Für meinen Geschmack klingt „Elite“ zu sehr nach Auszeichnung. Ich denke dabei an einen herausragenden Wissenschaftler, einen Olympiasieger, einen bedeutenden Künstler oder einen Grammy-Künstler. Ein Intendant, Ministerialdirektor, Konzernvorstand oder Verbandspräsident kann mächtig sein – und trotzdem eine Pfeife.
Für diese herrschende Klasse benutze ich deshalb lieber das Wort **Dominanzmilieu**.
Damit meine ich keine geheime Runde, die morgens beschließt, welche Meinung das Land am Nachmittag zu haben hat. Es geht um soziale Milieus, die mittels Herkunft, Ausbildung, Habitus, Berufswege und Netzwerke herangezüchtet werden. Menschen aus ähnlichen Elternhäusern studieren ähnliche Fächer, machen Praktika in ähnlichen Institutionen, werden Referenten, wechseln in Ministerien, Medien, Verbände oder Unternehmen und treffen sich später auf den entsprechenden Führungsebenen wieder. Eine Verschwörung ist dafür gar nicht nötig. Gemeinsame gesellschaftliche Prägung erledigt einen Teil der Arbeit viel unauffälliger.
Hartmann beschreibt für die Wirtschaft seit langem eine starke Rekrutierung aus Bürger- und Großbürgertum. Für die von ihm untersuchte private "Medienelite" fand er ebenfalls eine exklusive Zusammensetzung. Aufschlussreich erscheint mir seine Untersuchung politischer Spitzenpersonen: Bei bestimmten Fragen zur stärkeren Besteuerung unterschieden sich deren Antworten teilweise stärker nach sozialer Herkunft als nach Parteizugehörigkeit. Hartmann formuliert es zugespitzt: Soziale Herkunft habe in diesem Fall Parteiprogramme geschlagen.
Ostdeutsche sind in diesen Positionen unterrepräsentiert. Der Elitenmonitor untersuchte rund 3.000 Spitzenpositionen in zwölf gesellschaftlichen Sektoren. 2024 waren 12,1 Prozent davon mit Ostdeutschen besetzt, bei einem Bevölkerungsanteil von ungefähr 20 Prozent. In der Wirtschaft waren es 4,0 Prozent, in der Kultur 6,8 Prozent. [6]
Das ist kein Beweis dafür, dass Westdeutsche sich morgens verabreden, Ostdeutsche von Chefsesseln fernzuhalten. Es ist eher ein Beispiel dafür, wie soziale Reproduktion funktioniert. Wer 1990 Kapital, ein nutzbares berufliches Netzwerk, westdeutsche Abschlüsse und möglicherweise Familienvermögen besaß, konnte diese Ressourcen weitergeben. Wer sein Netzwerk in einem Kombinat hatte, das zwei Jahre später verschwand, stand mit leerem Adressbuch da.
Die Rechtsordnung war nach der Einheit für alle dieselbe. Die Startposition war es nicht.
🔸Freiheit ist mehr als Reisefreiheit
An dieser Stelle könnte ich in eine nostalgische DDR-Erzählung abrutschen. Ich war jung und hatte Spaß. Aber natürlich ist Spaß nicht alles.
Die DDR war ein restriktiver Staat. Dass ein Staat darüber entscheiden konnte, wohin ich reisen darf, war ein Zumutung. Wer nicht in ein geregeltes sozialistisches Erwerbsleben passte, konnte als "Assi" im Knast landen.
Und trotzdem konnte man dort als junger Mensch eine Form von Freiheit erleben, die in keinem Demokratieindex auftaucht.
Ich wohnte im Prenzlauer Berg im sogenannten LSD-Kiez – Lychener, Schliemann- und Dunckerstraße. Die Häuser verfielen. Was für die Stadtplanung ein Desaster war, war für uns ein spannender Spielplatz. Haustüren standen offen, man ging durch mehrere Hinterhöfe und kam plötzlich in einer anderen Straße heraus. Im Sommer lagen wir auf den Dächern und duschten in den Waschküchen. Da die Blöcke zusammenhingen, liefen wir über die Dächer zu unseren Freunden. Wohnungen standen leer oder wurden besetzt, irgendwo wurde immer Musik gemacht. Tag und Nacht.
Das offizielle Arbeitsleben ließ sich mit etwas Geschick arrangieren. Manche arbeiteten als Telegrammboten, Kleindarsteller oder in anderen Jobs mit überschaubarem Zeitaufwand. Ich selbst besorgte mir eine Stelle als Hauswirtschaftshelfer. Damit war man offiziell beschäftigt, zahlte Steuern und Sozialabgaben und hatte trotzdem Zeit für Musik. Das Geld reichte zum Leben, Bier und Zigaretten waren billig, die Mädels willig.
Das war keine staatlich garantierte Freiheit. Sie entstand durch Lücken im System, niedrigen Kosten und einer gewissen Verwahrlosung. Es galt, ie zu erkunden. Heute sind die Häuser saniert, die Höfe abgeschlossen, die Dächer gesichert und die Wohnungen teuer. Das ist komfortabler, sauberer und für viele Menschen zweifellos besser. Und stinklangweilig.
Für eine Familie mit kleinen Kindern ist eine zuverlässig funktionierende Heizung wahrscheinlich wertvoller als ein frei zugängliches Dach. Für einen Zwanzigjährigen kann das Verhältnis anders aussehen. Freiheit hängt auch von Alter, Lebensphase, Geldbedarf, Raum und sozialer Kontrolle ab.
Am stärksten habe ich diese besondere Freiheit in den Monaten zwischen Herbst 1989 und der Währungsunion am 1. Juli 1990 erlebt. Das altn Systems war weitgehend zusammengebrochen, während die Regeln des neuen noch nicht angekommen waren. Politische Beschränkungen verschwanden, Mieten und viele Lebenshaltungskosten entsprachen aber noch den DDR-Verhältnissen. Für eine kurze Zeit lag dazwischen ein gesellschaftliches Interregnum. Ich bin froh, es erlebt zu haben.
🔸Wir wollten es selbst – und wussten nicht genau, was wir kauften
Zu einer ehrlichen Betrachtung gehört: Die Ostdeutschen wollten die Einheit mehrheitlich.
Ich erinnere mich, wie sich Ende 1989 auf den Demonstrationen die Stimmung änderte. Aus „Wir sind das Volk“ wurde „Wir sind ein Volk“. Westdeutsche Parteien kamen mit ihren Politikern und ihrem Material in den Osten. Bei der Volkskammerwahl im März 1990 entschieden sich die Wähler mehrheitlich für D-Mark und Mallorca.
Es wäre zu bequem für die Ossis, sich heute als Opfer eines westdeutschen Übernahmeprozesses darzustellen. Die politische Richtungsentscheidung kam auch aus dem Osten. Ich formuliere es etwas unfreundlicher: Wir haben für den eigenen Untergang gestimmt (ich nicht).
Die meisten wussten nicht, wie das neue System funktionierte. Dass eine günstige Umstellung der Löhne in D-Mark für einen Arbeitnehmer zunächst wunderbar klang, verstand jeder. Dass dieselbe Umstellung einen Betrieb mit niedrigerer Produktivität schlagartig mit hohen D-Mark-Kosten in einen offenen Markt schicken würde, war weniger überzeugend. Dazu kamen technische Rückstände, der Verlust östlicher Absatzmärkte und die Tatsache, dass die DDR-Bürger nach der Grenzöffnung selbst viele westliche Waren kauften. Es gab also nicht die eine Ursache für den industriellen Zusammenbruch.
🔸Der Westen roch nach Intershop
Die Ostdeutschen trafen diese Entscheidung außerdem mit einem eigenartigen Bild des Westens.
Wir konnten in Ostberlin Westfernsehen sehen und Westradio hören. Westliche Zeitungen und Zeitschriften waren dagegen kaum erhältlich. Wir sahen deshalb einen Teil der westlichen Waren- und Konsumwelt, aber kaum Selbstkritik dieser Gesellschaft in ihren eigenen Printmedien.
Und dann gab es den Intershop.
Ich erinnere mich bis heute an seinen Geruch. Kaffee, Zigaretten, Parfüm, Waschmittel, Verpackungen – eine süßliche Mischung, die für mich nach Westen roch. Als ich am 26. Mai 1989 zum ersten Mal nach West-Berlin kam, wartete offenbar ein Teil meines Gehirns darauf, dass die ganze Stadt so riechen würde.
Tat sie nicht.
Sie roch nach Autos und stellenweise nach etwas Schwefeligem, das mich eher an faule Eier erinnerte. Das waren die Katalysatoren in den Autos vor erreichen ihrer Betriebstemperatur. Der Westen roch also gar nicht nach Westen.
Der Intershop war eine Oase in der Wüste des Mangels. Und die DDR-Führung hatte selbst dazu beigetragen, dass diese Fata Morgana entstehen konnte. Sie ließ ihre Bürger die attraktive Oberfläche der anderen Gesellschaft im Fernsehen sehen, hielt aber genau jene westlichen Medien fern, in denen diese Gesellschaft ihre Probleme diskutierte.
Ein *Spiegel*-Artikel über Parteienfilz, eine Reportage über Arbeitslosigkeit oder ein kritischer Text über Vermögensverteilung hätte vermutlich mehr Eindruck gemacht als Karl-Eduard von Schnitzler. Denn die DDR-Propaganda hatte ein grundsätzliches Problem: Wenn eine Quelle oft genug erkennbar manipuliert und übertreibt, glaubt man ihr irgendwann selbst dann nicht mehr, wenn sie etwas Wahres sagt.
Die Propaganda entwertete am Ende nicht nur ihre Lügen, sondern auch ihre Wahrheiten.
🔸Und manches aus dem Osten war plötzlich doch brauchbar
Einige Jahre nach der Einheit gab es dann die umgekehrte Erfahrung. Produkte, die unmittelbar nach 1990 als rückständig galten, tauchten später als langlebige, traditionelle oder nachhaltige Qualitätswaren wieder auf. Die Faltboote aus Pouch sind dafür ein schönes Beispiel.
Das beweist selbstverständlich nicht, dass die DDR-Wirtschaft eigentlich hervorragend funktionierte. Vieles war technisch veraltet, ineffizient oder nur unter den Bedingungen des RGW lebensfähig. Aber aus „das System hat verloren“ wurde zeitweise zu schnell „alles aus diesem System war minderwertig“.
Bei Produkten ließ sich diese Neubewertung leicht beobachten. Was gestern noch alter Ostkram war, konnte morgen als reparierbar, handwerklich und nachhaltig vermarktet werden.
Der Westen vertickte die Produkte. Für die Menschen interessierte er sich selten. Das galt auch für die Westdeutschen, die lieber nach Südfrankreich als nach Sachsen fuhren.
🔸Was Transformation mit Biografien macht
Für einen ostdeutschen Menschen war der Verlust des Arbeitsplatzes nicht bloß eine Zahl in der Arbeitslosenstatistik. Wenn jemand zwanzig oder dreißig Jahre Schlosser, Dreher, Kranführer oder Werkzeugmacher gewesen war, hing daran ein Teil seiner Identität, seines Freundeskreises und seines gesellschaftlichen Status. Wenn der Betrieb verschwand, konnte gleichzeitig der Arbeitsplatz, das soziale Umfeld und der Wert der eigenen Berufserfahrung wegbrechen. Ferienplätze, Wochenendhäuser, Kindergärten - vieles hing an den Betrieben.
In meiner Beobachtung traf diese Entwertung viele Männer besonders hart. Die Kombination aus Arbeitsplatzverlust und dem Zerfall lokaler sozialer Strukturen dürfte für viele eine erhebliche Belastung gewesen sein.
Parallel dazu verließen nach 1990 überproportional viele junge Frauen die ostdeutschen Regionen. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung beschreibt für zahlreiche ostdeutsche Kreise einen daraus entstandenen Männerüberschuss; besonders ausgeprägt war die Abwanderung in ländlichen Gebieten.
Die Ost-West-Partnerschaften waren asymmetrisch. Eine SOEP-Auswertung von 974 Ost-West-Paaren für die Jahre 1990 bis 2009 kam gewichtet auf knapp 70 Prozent Kombinationen aus ostdeutscher Frau und westdeutschem Mann, gegenüber gut 30 Prozent mit der umgekehrten Geschlechterkonstellation. Ein großer Teil davon erklärt sich bereits durch die stärkere Westwanderung ostdeutscher Frauen; aus der Statistik allein lassen sich keine Motive für die Partnerwahl herauslesen. Anzunehmen ist aber, dass sich die Frauen pragmatischer verhielten als die Männer. [7]
In meinem Umfeld war es üblich, dass sich Akademiker und Proleten verpartnerten. Die hohe Erwerbstätigkeit von Frauen und die geringeren Einkommensabstände zwischen vielen Berufen machten ostdeutsche Frauen weniger abhängig als ihre westdeutschen Schwestern. Die Forschung findet bis heute deutliche Ost-West-Unterschiede in Erwerbs- und Geschlechterrollen.
Die Transformation bestand nicht nur aus volkswirtschaftlichen Kennzahlen. Sie griff in Selbstbilder, Familien und Partnerschaften ein. Solche Erfahrungen verschwinden nicht deshalb, weil das Bruttoinlandsprodukt zwanzig Jahre später wieder steigt.
🔸Die Distanzierte Generation kommt ins Rentenalter
Ich finde die amerikanischen Generationenetiketten für Ostdeutschland unbrauchbar. „Boomer“ oder „Generation X“ sagen wenig darüber, wie jemand sozialisiert wurde, der Anfang der sechziger Jahre in der DDR geboren wurde.
Der Leipziger Jugendforscher Bernd Lindner hat für die DDR andere Generationen beschrieben. Eine davon nennt er die **„Distanzierte Generation“**. Gemeint sind im Kern die in den sechziger und frühen siebziger Jahren Geborenen, deren innere Distanz zum offiziellen sozialistischen System zunahm und deren Lebensentwürfe sich stärker individualisierten. [8]
Diese Leute sind heute um die sechzig. Wer beim Mauerfall 25 war, ist 2026 etwa 62. Viele kamen nach DDR-Verhältnissen früh ins Arbeitsleben und nähern sich jetzt dem Ruhestand oder haben ihre Arbeitszeit bereits reduziert.
Eine größere Gruppe bekommt mehr freie Zeit und besitzt zugleich eine Erfahrung, die jüngere Generationen nicht haben: Sie hat schon einmal erlebt, wie schnell politische Gewissheiten verschwinden können.
Daraus folgt nicht zwangsläufig eine „Rentnerrevolution“. Wir wissen nicht einmal, ob diese Alterskohorte im Ernstfall politisch mobilisierbarer wäre als andere.
Aber ihr Erfahrungshorizont ist ungewöhnlich. Wer 1989 erwachsen war, hat erlebt, dass Institutionen, die im Frühjahr noch dauerhaft wirkten, wenige Monate später ihre Autorität verloren hatten. Diese Erfahrung kann beeinflussen, wie selbstverständlich man die Stabilität heutiger Institutionen voraussetzt. Mehr lässt sich daraus seriös zunächst nicht ableiten.
🔸Was 1989 tatsächlich lehrt
Politische Dynamik muss nicht linear verlaufen.
Am 7. Mai 1989 fand in der DDR noch eine Kommunalwahl statt, deren Manipulation Oppositionelle dokumentierten. Am 4. September demonstrierten nach dem Friedensgebet in Leipzig etwa 1.200 Menschen. Am 9. November war die Mauer offen.
Der Ökonom und Politikwissenschaftler Timur Kuran hat diesen Überraschungseffekt später mit der Unterscheidung zwischen privaten und öffentlich geäußerten Präferenzen erklärt. Menschen können eine politische Ordnung ablehnen und ihre Ablehnung trotzdem verbergen, solange sie Nachteile befürchten. Wenn genügend andere ihre Haltung öffentlich machen, können individuelle Hemmschwellen nacheinander fallen. Was lange stabil aussah, verändert sich dann sehr schnell. [9]
🔸Wenn gesellschaftliche Sanktionen ihre Wirkung verlieren
In der Gegenwart sollte man die Transformation von 1990 nicht mit heutigen Wahlentscheidungen verwechseln. Niemand kann seriös ausrechnen, wie viele Prozentpunkte AfD auf Treuhand, Migration, Energiepolitik, Corona, Ukraine, wirtschaftliche Unsicherheit oder Unzufriedenheit mit der Bundesregierung zurückzuführen sind. Menschen wählen aus unterschiedlichen Gründen, und meistens wirken mehrere davon gleichzeitig.
Eine historische Erfahrung kann jedoch einen Resonanzboden bilden, auf dem aktuelle Konflikte stärker wirken.
Die gegenwärtigen Zahlen sind jedenfalls ungewöhnlich. Im ARD-DeutschlandTrend vom August 2026 liegt die AfD bundesweit bei 28 Prozent, CDU und CSU kommen auf 21 Prozent. Nur 13 Prozent bewerten die Arbeit der Bundesregierung positiv, 85 Prozent kritisch; mit Friedrich Merz sind 14 Prozent zufrieden. Mehr als die Hälfte der Befragten sieht inzwischen Bedarf für einen grundlegenden Wandel im Land – laut Infratest dimap so viele wie noch nie im DeutschlandTrend. In Ostdeutschland ist dieser Wunsch besonders ausgeprägt. Dort sagen zugleich 52 Prozent, sie erhielten im Vergleich mit anderen weniger als ihren gerechten Anteil.
In Sachsen-Anhalt erreicht die AfD wenige Wochen vor der Landtagswahl in einer Infratest-dimap-Umfrage 41 Prozent, die CDU 24 Prozent. Bei der vorangegangenen Landtagswahl 2021 hatte das Verhältnis noch 20,8 zu 37,1 Prozent betragen.
Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Trotzdem findet hier mehr statt als eine kleine zyklische Verschiebung zwischen zwei Volksparteien.
Mindestens ebenso aufschlussreich wie die Prozentzahlen ist der kulturelle Wandel. Vor einigen Jahren konnte es für einen Beschäftigten unangenehm sein, vor laufender Fernsehkamera offen zu erklären, er wähle AfD. Inzwischen sieht man Menschen, die genau das mit Gesicht und Namen tun. Die politische Präferenz mag vorher bereits existiert haben. Neu ist, dass die Scheu vor ihrer öffentlichen Äußerung abnimmt.
Ein beinahe komisches Symbol dafür lieferte gerade der *Spiegel*. Das Magazin setzte den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund auf den Titel und bezeichnete ihn als „gefährlichsten Mann Deutschlands“. Siegmund reagierte nicht wie jemand, dessen Ruf damit beschädigt worden wäre. Er nannte das Cover „sehr gute Werbung“ und veröffentlichte ein Video, in dem er Exemplare signiert.
Das erinnert mich an eine Erfahrung aus der späten DDR, allerdings ausschließlich auf der Ebene der Kommunikationswirkung. Wir sahen Karl-Eduard von Schnitzlers *Schwarzen Kanal* irgendwann teilweise zur Unterhaltung. Die beabsichtigte Abschreckung funktionierte nicht mehr, weil wir dem Absender nicht vertrauten.
Für das Dominanzmilieu ist das ein Signal. Seine Macht besteht schließlich nicht nur aus Ämtern und Eigentum, sondern auch aus gesellschaftlicher Definitionsmacht: Wer gilt als seriös? Wer als unanständig? Welche Position schadet einer Karriere? Welche Institution kann jemanden öffentlich abwerten und damit tatsächlich Wirkung erzielen?
Wenn die Antwort eines wachsenden Publikums irgendwann nur noch lautet „Ja, und?“, verändert sich etwas.
🔸Hillje und die verlorenen Emotionen
Ausgerechnet ein ausdrücklicher Gegner der AfD beschreibt einen Teil dieses Problems ziemlich präzise. Der Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje, 2014 Wahlkampfmanager der Europäischen Grünen Partei, veröffentlichte 2025 das Buch *Mehr Emotionen wagen. Wie wir Angst, Hoffnung und Wut nicht dem Populismus überlassen*. Seine These: Populistische Bewegungen mobilisieren nicht nur Angst und Wut, sondern bieten ihren Anhängern auch Hoffnung und Zugehörigkeit. Dagegen wirke eine ausschließlich sachlich-technokratische Kommunikation der politischen Mitte oft blutleer. [10]
Ich halte das für einen wichtigen Gedanken. Allerdings lassen sich politische Emotionen nicht wie eine neue Werbekampagne zurückholen. Wer über längere Zeit den Eindruck gewonnen hat, seine Erfahrungen würden nicht ernst genommen oder seine politische Haltung diene vor allem als Untersuchungsobjekt für Extremismusforscher, wird nicht allein durch eine emotionalere Rede wieder zum Anhänger der bisherigen Parteien.
🔸Und nun trifft die Transformation andere Milieus
Gleichzeitig verschlechtert sich das wirtschaftliche Umfeld.
Das DIHK-Energiewende-Barometer 2026 berichtet, dass inzwischen jedes dritte große Industrieunternehmen Produktion ins Ausland verlagert. Hohe Energie- und Standortkosten beeinträchtigten Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit, so die befragten Unternehmen.
Hinzu kommt künstliche Intelligenz. In einer ifo-Umfrage erwarteten 27,1 Prozent der deutschen Unternehmen innerhalb von fünf Jahren Stellenabbau durch KI, 5,2 Prozent zusätzliche Beschäftigung; zwei Drittel rechneten zunächst mit keiner Veränderung. [11]
Entscheidend ist weniger die konkrete Zahl als die Richtung der technischen Veränderung. Automatisierung bedroht diesmal nicht nur klassische Industriearbeit. Sie greift in Programmierung, Übersetzung, Grafik, Marketing, Recherche, Beratung, Journalismus und juristische Arbeit ein – also in Tätigkeiten, die bislang zum sicheren Bereich des akademischen Bürgertums gerechnet wurden.
Niemand weiß heute, wie viele dieser Berufe wirklich verschwinden werden. Häufiger dürfte vorerst etwas anderes passieren: Ein Mitarbeiter erledigt mit KI Arbeit, für die vorher mehrere Menschen gebraucht wurden. Schon das kann Beschäftigung, Einkommen und Status verändern.
Für Teile des westdeutschen akademischen Mittelstands könnte damit eine Erfahrung näher rücken, die Ostdeutsche Anfang der neunziger Jahre massenhaft machten: Die Fähigkeiten bleiben, sie sind nur nix mehr wert.
Derjenige, der dem ostdeutschen Facharbeiter dreißig Jahre lang erklärt hat, Strukturwandel sei nun einmal unvermeidlich, könnte selbst noch eine Lektion darin bekommen.
🔸Alte Erfahrungen, neue Konflikte
Hier liegt für mich die eigentliche Verbindung zwischen 1990 und 2026.
Ich glaube nicht, dass heutige ostdeutsche Wahlergebnisse einfach eine verspätete Treuhand-Abstimmung sind. Migration, Energiepreise, außenpolitische Konflikte, Corona-Erfahrungen, wirtschaftliche Sorgen, Kriminalität, Medienvertrauen und die konkrete Arbeit heutiger Regierungen wirken unmittelbar und dürften für viele Wähler wichtiger sein als Erinnerungen an 1990.
Aber politische Reaktionen entstehen nicht auf einer weißen Leinwand.
Darunter liegt eine ältere Erfahrungsschicht: geringeres Eigentum, weniger Erbvermögen, weniger Unternehmenszentralen, Unterrepräsentation in Führungspositionen, abgewertete Berufsbiografien, Abwanderung und der Eindruck, dass andere besser zu wissen glaubten, wie die eigene Geschichte zu interpretieren sei.
Diese Erfahrungen werden weitergegeben. Ein 35-Jähriger muss die Treuhand nicht selbst erlebt haben, um zu wissen, warum sein Vater arbeitslos wurde oder seine Mutter noch einmal einen Abschluss machen musste. Familien besitzen ein kollektives Gedächtnis.
🔸Wer hat eigentlich wen gerettet?
Bleibt die Ausgangsfrage: Ja, Westdeutschland hat für die deutsche Einheit sehr viel Geld aufgebracht. Ohne diese Transfers wären die Modernisierung der Infrastruktur, die Sanierung der Städte und die sozialen Sicherungen während des Zusammenbruchs großer Teile der DDR-Wirtschaft nicht möglich gewesen.
Ebenso unvollständig ist jedoch die Ansicht, nach der zwei Billionen Euro aus dem Westen einen mittellosen Osten gerettet hätten und damit die historische Rechnung abgeschlossen sei.
Parallel zu den Transfers entstand eine Eigentumsstruktur, in der Ostdeutsche aufgrund ihrer Ausgangslage nur begrenzt Kapital erwerben konnten. Die Vermögenslücke besteht bis heute. Auch in vielen gesellschaftlichen Führungspositionen sind Ostdeutsche mehr als 35 Jahre nach der Einheit deutlich unterrepräsentiert. Dazu kam eine Neuordnung des sozialen Kapitals: Manche Abschlüsse, Erfahrungen und Netzwerke verloren Wert, während diejenigen des übernommenen westdeutschen Systems automatisch zum Standard wurden.
Die Einheit war deshalb zugleich: Befreiung, demokratische Selbstentscheidung, wirtschaftliche Modernisierung, Eigentumsverschiebung und Statusneubewertung.
Wer nur eine dieser Seiten erzählt, erzählt die Geschichte falsch.
🔸Erst Tragödie, dann Farce
Die DDR hatte schwere wirtschaftliche Probleme. Sie war politisch unfrei. Sie musste ihre Bürger mit einer Mauer am Weggehen hindern, weil sie ihnen kein überzeugendes Gegenangebot machen konnte. Ihre Führung verlor den Kontakt zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, ihre Propaganda ihre Glaubwürdigkeit.
Und wir Ostdeutschen sagten 1990 mehrheitlich selbst: Wir wollen dieses System nicht mehr.
Wir wollten reisen und konnten anschließend reisen. Wir wollten freie Wahlen und bekamen freie Wahlen. Wir wollten die D-Mark und bekamen die D-Mark. Wir wollten den Lebensstandard, den wir im Westfernsehen gesehen hatten.
Nur kauft man ein Gesellschaftssystem nicht wie einen Fernseher. Man bekommt nicht nur das gewünschte Produkt, sondern die Eigentumsordnung, die Institutionen, die sozialen Hierarchien und die bereits vorhandenen Machtmilieus gleich mit.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik der Einheit: Die Ostdeutschen verwarfen 1990 eine Ordnung, die sie aus guten Gründen nicht mehr wollten, und bemerkten erst später, dass darunter auch Dinge waren, die sie gern behalten hätten. Die Westdeutschen wiederum hatten als Sieger wenig Anlass, das eigene Modell gleichzeitig grundlegend infrage zu stellen.
Heute könnte diese unabgeschlossene Geschichte erneut politisch wirksam werden. Nicht als Wiederholung von 1989 und nicht zwangsläufig als Revolution. Vielleicht zunächst als Verlust traditioneller Parteibindungen, gesellschaftlicher Autoritäten und kultureller Definitionsmacht.
Was daraus wird, weiß niemand.
Aber eine Erfahrung aus 1989 habe ich behalten: Politische Verhältnisse können lange aussehen, als seien sie für die Ewigkeit gemacht.
Bis sie es plötzlich nicht mehr sind.
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Quellen und weiterführende Links
Die folgende Auswahl ist kein vollständiger wissenschaftlicher Apparat. Sie enthält die wichtigsten Grundlagen für Zahlen und Argumente des Textes sowie einige weiterführende Arbeiten.
🔸Deutsche Einheit, Transfers, Eigentum und Vermögen
**[1] Bundeszentrale für politische Bildung:**
[Die Kosten und Erträge der Wiedervereinigung Deutschlands](https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47534/die-kosten-und-ertraege-der-wiedervereinigung-deutschlands/)
Zur Größenordnung der Nettotransfers, den Sonderkosten und den wirtschaftlichen Rückwirkungen der Einheit.
**[2] MDR Geschichte:**
[Wie die Treuhand den Osten verkaufte](https://www.mdr.de/geschichte/ddr/deutsche-einheit/treuhand/betriebe-verkauf-volkseigentum-100.html)
Über die Privatisierung des DDR-Volkseigentums und die Eigentümerstruktur nach der Treuhand.
**Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland:**
[Wohneigentum in Ost und West](https://www.ostbeauftragte.de/ostb/Content/DE/Artikel/Aktuelles/News/2024/Deutschlandatlas-Karten/wohneigentum.html)
Zu den unterschiedlichen Ausgangsbedingungen beim Immobilienerwerb nach der Wiedervereinigung.
**[3] Statistisches Bundesamt:**
[Ungleichheit und Armutsrisiko kaum verändert – trotz gestiegener Einkommen und Vermögen](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/11/PD24_416_p001.html)
Unter anderem zum durchschnittlichen Nettovermögen ost- und westdeutscher Haushalte.
🔸DDR-Abschlüsse, Status und soziale Herkunft
**[4] GEW:**
[Eine Reihe von Demütigungen](https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/eine-reihe-von-demuetigungen)
Zur Behandlung ostdeutscher Lehrkräfte und zur formalen Dequalifizierung von Unterstufenlehrkräften nach 1990.
**Kultusministerkonferenz:**
[Bildungsabschlüsse der DDR – Feststellung der Gleichwertigkeit](https://www.kmk.org/wissenschaftsministerkonferenz/vertiefende-wissenschaftsinhalte/studium-und-pruefungen/bildungsabschluesse-der-ddr-feststellung-der-gleichwertigkeit.html)
Zu den Regeln der Anerkennung und Gleichwertigkeit von DDR-Abschlüssen.
**[5] Alexander Teske / YouTube:**
[Eine exklusive Elite entscheidet alles im Land! – Gespräch mit Michael Hartmann](https://www.youtube.com/watch?v=XIZ5LzimmEU)
Ausgangspunkt für die Passagen über soziale Herkunft, Elitenrekrutierung und die Schwierigkeiten westdeutscher Kategorien bei DDR-Biografien.
**[6] Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland / Elitenmonitor:**
[Leichter Anstieg bei Repräsentation Ostdeutscher in Führungspositionen](https://www.ostbeauftragte.de/ostb/Content/DE/Artikel/Aktuelles/News/2025/2025-05-16-ergebnisse-elitenmonitor-2024.html)
Zu rund 3.000 untersuchten Spitzenpositionen und dem weiterhin niedrigen Ostdeutschenanteil.
🔸Abwanderung, Geschlechterverhältnis und Partnerschaften
**Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung:**
[Geschlechterproportion im Alter 15 bis 49 Jahre](https://www.bib.bund.de/DE/Fakten/Fakt/B94-Geschlechterproportion-Alter-15-49-Kreise.html)
Zu regionalen Männerüberschüssen und der überproportionalen Abwanderung junger Frauen aus Ostdeutschland.
**Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung:**
*Wenige junge Frauen im ländlichen Raum – Ursachen und Folgen der selektiven Abwanderung in Ostdeutschland.*
Weiterführende Untersuchung zur geschlechtsspezifischen Abwanderung.
**[7] Daniel Lois:**
*Ost-West-Paare: Verbreitung, Eigenschaften und Stabilität.*
SOEP-Auswertung von Ost-West-Partnerschaften zwischen 1990 und 2009, insbesondere zur Asymmetrie zwischen „Ostfrau-Westmann“ und „Ostmann-Westfrau“.
**DIW Berlin:**
Studien zu fortbestehenden Ost-West-Unterschieden bei Erwerbsmodellen und Geschlechterrollen.
🔸DDR-Generationen und politische Kaskaden
**[8] Bernd Lindner / Bundeszentrale für politische Bildung:**
[Zwischen Integration und Distanzierung](https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/27307/zwischen-integration-und-distanzierung/)
Zur „Distanzierten Generation“ und zur generationellen Sozialisation in der DDR.
**Bundeszentrale für politische Bildung:**
[Zusammenbruch des SED-Regimes](https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/der-weg-zur-einheit-352/514492/zusammenbruch-des-sed-regimes/)
Zur Chronologie von Wahlprotesten, Fluchtbewegung, Montagsdemonstrationen und Zusammenbruch der SED-Herrschaft 1989.
**[9] Timur Kuran:**
[Now Out of Never: The Element of Surprise in the East European Revolution of 1989](https://www.cambridge.org/core/journals/world-politics/article/now-out-of-never-the-element-of-surprise-in-the-east-european-revolution-of-1989/B947420222BF565D0B2D93099E704BF2)
Klassische Untersuchung über private und öffentlich geäußerte Präferenzen sowie unerwartete politische Kaskaden.
🔸Emotionen und aktuelle politische Lage
**[10] Johannes Hillje:**
[Mehr Emotionen wagen](https://johanneshillje.de/blog/buecher/)
Zu Hoffnung, Angst und Wut als Faktoren politischer Kommunikation.
**Infratest dimap:**
[ARD-DeutschlandTrend August 2026](https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/ard-deutschlandtrend/2026/august/)
Sonntagsfrage, Regierungszufriedenheit, Wunsch nach grundlegendem Wandel und wahrgenommene Benachteiligung.
**MDR:**
[Umfrage vor der Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026](https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/landtagswahl/news-ergebnisse-landtagswahl-afd-cdu-wahlumfrage-schulze-siegmund-%2Cwahl-umfrage-100.html)
Sachsen-Anhalt-Trend mit 41 Prozent AfD und 24 Prozent CDU.
**Deutschlandfunk:**
[„Spiegel“ verteidigt Cover mit Ulrich Siegmund](https://www.deutschlandfunk.de/spiegel-verteidigt-cover-mit-ulrich-siegmund-afd-als-gefaehrlichsten-mann-deutschlands-100.html)
Zum *Spiegel*-Titel und Siegmunds Verwendung des Covers als Wahlkampfmaterial.
🔸Wirtschaft und künstliche Intelligenz
**DIHK:**
[Energiekosten: Jedes dritte große Industrieunternehmen verlagert bereits Produktion ins Ausland](https://www.dihk.de/de/newsroom/energiekosten-jedes-dritte-grosse-industrieunternehmen-verlagert-bereits-produktion-ins-ausland-184510)
Ergebnisse des Energiewende-Barometers 2026.
**[11] ifo Institut:**
[Ein Viertel der Unternehmen rechnet mit Stellenabbau durch künstliche Intelligenz](https://www.ifo.de/fakten/2025-06-05/ein-viertel-der-unternehmen-rechnet-mit-stellenabbau-durch-kuenstliche)
Umfrage zu den erwarteten Beschäftigungseffekten von KI.
Wir können uns eine „Lega West“ genauso wenig leisten wie eine Ostdeutschtümelei.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21. August 2026.
Archivkopie bei archive.is
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