Donnerstag, 22. September 2011

Vom Tresen auf die Bühne

Mr. Speiche wird 65 und seine Monokel Blues Band 35 Jahre alt.


Von Mark Modsen


Wenn am 27. Oktober die Bühnenscheinwerfer des Berliner Kesselhauses angehen, werden sie eine Legende der ostdeutschen Musikszene beleuchten: Monokel gehört zu den wichtigsten Bands der DDR-Bluesszene und ihr Mitbegründer Jörg "Speiche" Schütze (bg) zu den dienstältesten Rockern der Republik. Speiche und Kollegen liefern in den Siebziger- und Achtzigerjahren den Soundtrack zum imaginären Freiheitsfilm der "Blues-Kunden", die mit Shell-Parka, Schlafsack und Flickenjeans über die Schlaglochpisten von Arkona bis Zittau trampen. Jedes Wochenende bietet sich in irgendeinem abgelegenen Dorfsaal das gleiche Bild: Grünblaue Horden langhaariger Wettkampftrinker lassen sich von Monokels druckvollem Rhythm & Blues in Ekstase versetzen. Haare fliegen, Hirschbeutel kreisen, Gläser klirren. Bis zu 180 Mal pro Jahr rücken die Berliner aus, um ihre jeweils fünfstündigen Konzerte in Sachsen oder Thüringen zu absolvieren. Entspannung im Backstage ? Fehlanzeige.
"Die Fans wollten nicht, dass wir uns in den Spielpausen nach hinten verfatzen", sagt Speiche. "Wir haben im Gastraum mit ihnen gebechert."
Als der langhaarige Bassist 1976 zusammen mit Sebastian "Buzz Dee" Baur (g, voc), Wilfried Borchert (g, voc), Mario Janik (dr) und Frank "Gala" Gahler (voc, m-harp) Monokel gründet, hat er eine szenetypische Biografie vorzuweisen: In den Fünfzigerjahren bastelt der musikbesessene Junge einen sogenannten Kristalldetektor, um den geliebten AFN hören zu können, den Mittelwellen-Sender der US Army in Westberlin. Die GIs infizieren den kleinen Jörg mit dem Blues-Virus. "Ich lag mit einem harten Wehrmachtskopfhörer unter der Bettdecke und hörte AFN, bis die Ohren schmerzten", erinnert sich Speiche. Mit Gleichgesinnten trifft sich der Rebell regelmäßig am Bahnhof Lichtenberg und gerät als "Gammler" ins Visier der umerziehungssüchtigen Staatsmacht. Mit 19 steigt Speiche als Bassist beim Diana Show Quintett ein. Die Formation um die heutige TV-Stimmungskanone Achim Mentzel ist für ihre skandalösen Konzerte berüchtigt. Bei einem Auftritt wird Speiche wegen sogenannten "asozialen Lebenswandels" - eine gängige Anklage gegen missliebige Musiker - verhaftet und wandert in den Knast. Klar, dass auch Monokel zehn Jahre später keine Lieblinge der Kulturfunktionäre werden. Dafür lieben sie die Fans um so inniger und verzeihen ihnen die zahlreichen Besetzungswechsel, die ihnen Monokel in 35 Jahren Bandgeschichte zumutet. Buzz Dee geht zu Keks, MCB und schließlich zu Knorkator, Gitarristen und Drummer wechseln und als Gala zu NO 55 desertiert, ist die Stimmung auf einem Tiefpunkt. Bernd "Zuppe" Buchholz stößt von der Passat Blues Band zu Speiche und steht bis zum heutigen Tag mit ihm auf der Bühne.
Eines Tage bietet der Folkblues-Star Stefan Diestelmann seinem Kumpel Speiche an, Monokel als Backing Band mit auf Tour zu nehmen. Diese Einladung verschafft der Gruppe den denkwürdigsten Auftritt ihrer Karriere.
"Wir haben am 8. März 1983 zum Frauentag im Dessauer Frauenknast gespielt, vor dreihundert weiblichen Häftlingen", erzählt der damalige Schlagzeuger Bernd "Erny" Damitz. "Die Mädels wurden in Dreierreihen von Kalaschnikow-tragenden Wärterinnen in den bestuhlten Saal geführt. Wir haben anderthalb Stunden gespielt und zwischendurch Schokolade und Karo-Schachteln unauffällig unter die Sitze des Publikums geschossen."
"Ich habe noch vor dem Konzert mit dem Gefängnisdirektor Schach gespielt", sagt Speiche schaudernd. "Dabei habe ich versucht, meine Knasttätowierung am Unterarm zu verbergen. Mir ist bis heute ein Rätsel, wie das Konzert zustande kam. Unsere Roadies hatten auch gesessen. Sogar Diestelmann war vorher inhaftiert gewesen."
Diestelmann haut zwei Jahre später in den Westen ab. Monokel spielen 1986 binnen zwei Tagen ihre erste und einzige Ost-LP ein.
Als die DDR die Mauer öffnet, verdrückt sich der Manager mit der Bandkasse. Es folgen magere Jahre, in denen Speiche als Roadie schuftet und eine Musikkneipe eröffnet. Mit seinen ex-Kollegen streitet er sich vor Gericht. Das Resultat: Monokel teilen sich in Mr. Speiches Monokel Blues Band und Monokel Kraftblues.
Das Buch "Bye-bye Lübben City" leitet 2004 ein Revival ein. Nach einem Monokel-Song benannt, beschreiben darin szenekundige Autoren die Ost-Bluesszene. Leider scheitert die Versöhnung der Monokel-Fraktionen. Speiche beschließt, es trotzdem noch einmal zu versuchen. Ihm ist klar: 80.000 Stück wie damals beim DDR-Label Amiga werden Monokel nie wieder von einem Album verkaufen. Doch Speiches Truppe feiert andere Erfolge: Am 3. Oktober 2008 begeistert sie im Westberliner Quasimodo ihre Fans derart, dass die für den höchsten Getränkeumsatz in der Geschichte des Clubs sorgen -  acht Fässer Bier werden geleert.
Die Latte für das Jubiläumskonzert im Kesselhaus liegt also hoch. Stargäste haben sich angesagt: Stimmungskanone Achim Mentzel wird zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert wieder mit seinem ex-Bassisten vom Diana Show Quintett die Bühne teilen. Es empfiehlt sich, das Auto zuhause zu lassen.



(c) Mark Modsen 10. August 2011, erschienen in der melodie&rhythmus Sept./Okt. 2011

Freitag, 22. Juli 2011

Sie war da

Alin Coen verzaubert das Berliner "Lido"


Sie ist ganz schön aufgeregt. Alin Coen äugt über die 600 Zuschauer in dem ehemaligen Kreuzberger Kino. Sagt glücklich: "Ihr Wahnsinnigen." Und jubiliert mit heller Stimme: "Der Laden war fünf Wochen vorher ausverkauft!" Ihr Mikrofon pfeift. Die Sängerin schreckt zurück. Das Publikum kichert. 
Alin Coen hat sich wohl noch nicht an volle Häuser gewöhnt. Dabei sind sie auf ihrer Tour eher die Regel als eine Ausnahme. Immerhin spielte sie schon im NDR-Fernsehen bei "Inas Nacht" und im Vorprogramm von Suzanne Vega und Regina Spektor. Zuletzt war die zierliche Frau mit den markanten Gesichtszügen als Support von Philipp Poisel unterwegs. Sie hat viele Fans gewonnen. Nun bestreitet die Alin Coen Band als Headliner ihre "Wer bist du?"-Tour. So heißt auch das einzige Album der Newcomer. Es wurde im August auf dem bandeigenen Label "Pflanz einen Baum" veröffentlicht. Ein halbes Jahr später füllt das Quartett angesagte Läden in der ganzen Republik.
Nach der kanadischen Liedermacherin Miss Emily Brown legt um 21 Uhr der Top Act los. Ein nahezu meditativer Opener, dann folgen mit "Same Boat", "Wolken", "Hold" und "Wer bist du?" Songs aus dem Debüt-Album. Das Licht wirkt zurückhaltend, der Sound transparent. Drummer Fabian Stevens, Bassist Philipp Martin und Gitarrist Jan Frisch bearbeiten konzentriert ihre Instrumente. Gelegentlich singt Frisch die zweite Stimme. Showeinlagen ? Fehlanzeige. Die Musiker sind vollauf mit vertrackten Rhythmen und komplexen Melodieläufen beschäftigt. Der Frontfrau obliegt die Kommunikation mit dem Publikum. Alin Coen redet schnell und leise. Dass ihr rotes Keyboard neu sei. Dass sie das Handbuch noch nicht gelesen habe. Und dass jetzt ein schönes Lied käme, was aber noch keiner kennt. Weil es neu sei. 
Das Lied klingt tatsächlich schön. Das liegt hauptsächlich an der Stimme von Alin Coen. Sie könnte ihren Einkaufszettel absingen und würde damit hartgesottene Verkäufer zu Tränen rühren. Vielleicht lässt sich der überraschende Erfolg der Alin Coen Band damit erklären, dass ihre Musik einen buchstäblich ergreift. Aber sie kommt nicht mit Blitz und Donner. An manchen Stellen ist sie so leise, dass man die Spülbecken der Bar im Saal rauschen hört.
Es gibt viele neue Songs im Lido. Rund die Hälfte des Programms stammt nicht vom Album "Wer bist du?" Das Publikum lauscht trotzdem gebannt. Bis auf die unvermeidliche  Handvoll quasselnder Deppen, die jedes Konzert versauen.
Auffällig viele Damen mittleren Alters sind paarweise erschienen. Einige blicken sich tief in die Augen. Andere haben ihre Männer im Schlepptau. Vom geschniegelten Pharmalobbyisten bis zur tätowierten Möbelpackerin reicht das soziale Spektrum im Lido.
Der letzte Song des regulären Programms heißt "Ich war hier". Aber so einfach kommt sie nicht davon. Erst nach drei Zugaben und insgesamt anderthalb Stunden Konzert geht die Band von der Bühne. 
Irgendwann will Alin Coen Ingenieurin werden.  Sie hat Umweltschutz-Technik studiert. Hoffentlich lässt sie sich damit noch etwas Zeit.


(c) Mark Modsen 05. April 2011, erschienen in der melodie&rhythmus 03/2011

Gossenpoesie

Haudegen ziehen blank


Sie sehen aus wie Hells Angels, die einen Zirkel Schreibender Arbeiter infiltiert haben. Ihr Musik klingt, als würden Ich + Ich mit den Böhsen Onkelz kuscheln. Auf ihren Konzerten vergießen erwachsene Männer Tränen. Fans lassen sich  das Bandlogo tätowieren. Haudegen sind angetreten, um Schubladen zu zerschlagen.
Hooligan, Türsteher, Gangsta Rapper. Aus Berlin-Marzahn. Das ist die falsche Biografie, um sich Freunde beim Feuilleton zu verschaffen. Schon gar nicht mit Liedern für den Pöbel. Aber Hagen Stoll, 36, macht nicht den Eindruck, als möchte er sich für irgendwas rechtfertigen. Sein Homie Sven Gillert, 33 , auch nicht. 
"Wir könnten uns unsere polizeilichen Führungszeugnisse an die Stirn tackern. Machen wir nicht. Die Leute, die mit dem Finger auf uns zeigen, haben wahrscheinlich selber Leichen im Keller."
Entschuldigen war gestern.
Da nannten sie sich Joe Rilla und Tyron Berlin. Halten zusammen wie Pech und Schwefel. Tummeln sich mit den Stars der Westberliner Aggro-Szene, bleiben aber die Ostler aus dem Plattenbau. Um dort für ihre Negermusik auf die Fresse zu kriegen. Und auch selber auszuteilen. Auswärts werden sie als Nazi-Glatzen aus dem Osten gedissed. Da heißt es: Hart bleiben und ein böses Gesicht machen.
Mit Anfang 30 hat Joe Rilla die Schnauze voll vom HipHop-Zirkus. Er hat jetzt eine Familie zu versorgen. Will nicht mehr Musik machen, um gehasst zu werden. Erzählt von Morddrohungen via myspace. 
Der Rapper outet sich als Fan der Böhsen Onkelz. 2008 veröffentlicht Joe Rilla das Onkelz-Tribute-Paket "Heilige Lieder" als kostenlosen Download. Im selben Jahr erscheint das Album "Deutsch-Rap Hooligan". Darauf findet sich der Track "Bevor ich geh", auf dem Sido rappt und Rilla im Refrain singt: "Komm wir lassen alte Zeiten hinter uns." 
HipHop ist Geschichte. Die Zukunft heißt Haudegen. Joe Rilla wird wieder Hagen Stoll wird Sänger. Mit seinem Freund aus Kindertagen feilt er an Songs: Sven Gillert entwickelt ein Händchen für Melodien, Hagen Stoll ein Gespür für Geschichten. Freunde von der aufgelösten Gruppe Splinter X formieren sich zur Backing Band. Die Debüt-EP verkauft sich 5000-mal. Mittlerweile kommen bis zu 350 Leute zu den Konzerten. 
"Ich dachte nicht, dass mal jemand an mich schreibt: Tausend Dank für deine Stimme, tausend Dank für deine Worte und die Hoffnung, die du mir gibst", sagt Hagen Stoll. "Das habe ich mir im HipHop immer gewünscht. Aber ein HipHopper ist viel zu cool für so etwas. Ich war ja auch so."


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Haudegen "Schlicht & Ergreifend" 
Warner 27.05.2011


Das Duo legt nach der Debüt-EP von 2010 ein Doppelalbum nach. Erstaunlicherweise handeln acht der 20 Lieder von Flucht, Abschied oder Trennung - hoffentlich kein böses Omen für die frisch gestarteten Balladenrocker. Haudegen transportieren ihre gelegentlich holprige Lyrik im Duett von Reibeisenstimme und Knabentenor. Die eingängigen Stücke werden auf der ersten CD "Schlicht" von Power-Riffs und Streicherteppichen getragen, auf der zweiten "Ergreifend" von Akustikgitarre und Piano untermalt.


Fazit: Kraftfutter für versehrte Seelen, von starker Hand gefühlvoll serviert


(c) Mark Modsen 04. April 2011, erschienen in der melodie&rhythmus 03/2011

Von Ponyhof zum Plattendeal

Jupiter Jones auf dem Weg in die Oberliga


Wittlich in der Eifel ist nicht gerade die Welthauptstadt des Rock'n'Roll. Hier steht seit hundert Jahren der erste Jugendknast Preußens. Immerhin durfte kürzlich eine lokale Coverband vor ausgewählten Häftlinge auftreten. 
Jupiter Jones haben keinen Bock auf Jailhouse Rock. Sie wollen raus, die Welt erobern.
"Es ist jedoch schwer, ein Band aus so einem musikalischen Niemandsland deutschlandweit bekannt zu machen", sagt Gitarrist Sascha Eigner."Wenn du dagegen in Hamburg wohnst, kannst du schnell ein paar wichtige Leute in einen angesagten Club einladen." 
Mittlerweile ist es andersrum. Im vergangenen Oktober lädt sie Starmoderatorin Ina Müller in ihre Hamburger Fernsehkneipe ein und singt mit ihnen das neue Lied "Still". Aber es hat Blut, Schweiß und Alkohol gekostet, bis es soweit war.
Jupiter Jones verdanken ihre Existenz einer Schnapsidee: Im Herbst 2002 beschließen vier Jungs auf einer Party, eine Band zu gründen. Sie nennen sie nach dem Detektiv aus der Jugendbuchserie "The Three Investigators" - auf Deutsch: "Die drei ???".
"In der Eifel kannst du nur Musik machen oder Fußball spielen", behauptet Sänger Nicholas Müller. Er trifft die anstrengendere Wahl. 
Acht Jahre lang rocken Jupiter Jones jede Steckdose in Reichweite, musizieren sogar unplugged im Kloster. Sie lassen sich im PopCamp des Deutschen Musikrates drillen und touren für das Goethe-Institut durch Bulgarien. Füllen drei CDs und eine DVD mit klingender Seelenpein und veröffentlichen sie auf dem eigenen Label Mathildas & Titus Tontraeger. Eine Ochsentour für die Band, deren Mitglieder über die Republik verstreut wohnen. 
Die kostbare gemeinsame Zeit verbringen Nicholas Müller, Sascha Eigner, Drummer Marco Hontheim und Bassist Andreas Becker im Wittlicher Proberaum. Die rotgestrichene Kammer am Rande einer Pferdekoppel wird tageweise zum Zentrum ihres Universums. 
"Es gibt nichts, was hier stört", meint Nicholas Müller. "Man kann den Fokus auf's Musizieren legen, auf's Songschreiben. Auf das, was wichtig ist."
Im Sommer 2010 unterschreiben Jupiter Jones bei Branchenriesen Sony. Der vermarktet witzigerweise auch die Hörspielausgabe der Detektivserie "Die drei ???". Im Februar 2011 erscheint das selbstbetitelte Majordebüt. 
Sind Jupiter Jones in der Oberliga angekommen ? Ihre Single läuft im Radio, der Clip auf tape.tv. Konzerte werden in größere Clubs verlegt. Die Band gibt in drei Wochen so viele Interviews wie vorher in drei Jahren. 
Die Entscheidung gegen die Fußballerkarriere hat sich wohl gelohnt.


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Jupiter Jones
»Jupiter Jones«
Columbia/Sony  VÖ: 25.2.


Duesenberg. So heißt ironischerweise die Gitarrenmarke, die Nicholas Müller spielt – ein bubenhafter Brocken, der brüllen kann wie eine brennende Airbus-Turbine. Doch der Frontmann von Jupiter Jones beherrscht auch die leisen Töne, wie die erste Single des neuen Albums beweist. »Still« hat das Zeug zur Stadionhymne. Vier Minuten, in denen unzählige Feuerzeuge ihr Leben aushauchen. Um kurz darauf von der studentischen Jugend im Moshpit zerstampft zu werden. 


Fazit: Deutsch-Rock für Grübler, zwischen Schwermut und Tanzvergnügen

(c) Mark Modsen 07. Februar 2011, erschienen in der melodie&rhythmus 02/2011