Dienstag, 25. August 2026

Der Reporter als Ereignis

 

Der Reporter als Ereignis

Fernsehen hat die Wirklichkeit schon immer konstruiert. Der Livestream verspricht hingegen das Ungefilterte. Dabei verschiebt er die Inszenierung lediglich vom Schneideraum ins Ereignis selbst.

[Mark Modsen & Hell's AI.ngels]

Auf einem AfD-Familienfest in Merseburg passiert zunächst nicht viel. Die Menschen stehen herum, Ulrich Siegmund gibt Autogramme und Matthäus Westfal, im Netz bekannt als „Aktivist Mann“, streamt das Ganze stundenlang. Dann taucht ein Team von Spiegel TV auf. Westfal verfolgt die Journalisten, beschimpft sie als „linksextreme Zeckenzeitung“ und fordert sie auf, das Fest zu verlassen. Als ein zweiter Reporter dazwischengeht und ihn am Arm berührt, schubst Westfal ihn weg und droht mit der Polizei. Kurz darauf fragt er einen anderen Streamer vor Ort: „Bist du Jude, oder was?“

Selbst Siegmund, der Westfals Livestreams zuvor ausdrücklich gelobt hatte, fand das offenbar zu viel. Westfal versprach anschließend, künftig etwas „entspannter“ aufzutreten.

Man kann diesen Vorgang als Ausraster eines politischen Aktivisten verbuchen. Interessanter ist jedoch die Frage: Was macht diese Medienform mit dem Reporter, wenn Langeweile Zuschauer kostet und Konflikt unmittelbar belohnt wird?

Fernsehen war nie die Fliege an der Wand

Ich habe 25 Jahre lang fürs Fernsehen gearbeitet. Die Vorstellung, eine Fernsehkamera würde die Wirklichkeit unverändert abbilden, halte ich für romantisch.

Eine große Schulterkamera verändert einen Raum. Menschen reden anders, stellen sich anders hin und wiederholen Handlungen, die im wirklichen Leben nur einmal stattgefunden hätten. Wenn der Kameramann die Schärfe verliert, geht der Politiker eben noch einmal die Treppe hinunter. Auch ältere Politiker machen das klaglos mit. Sie kennen das Spiel.

Wenn in einem Magazinbeitrag ein Minister zu seinem Bücherregal geht und einen Band herauszieht, dann geschieht das in der Regel nicht zufällig genau vor der Kamera. Wenn er seinem Mitarbeiter über die Schulter schaut, lautet die Vorgeschichte oft: „Könnten Sie sich bitte noch einmal zu Ihrem Mitarbeiter setzen?”

Das ist nicht nur bei RTL oder ProSieben so. ARD und ZDF arbeiten genauso. Anders lässt sich ein Fernsehbeitrag oft gar nicht herstellen.

Mein Bandkollege Jaye wurde Mitte der neunziger Jahre für einen Fernsehbeitrag über sein Leben als Internetunternehmer in New York begleitet. Das Team wollte Bilder, die Erfolg zeigen. Also ritt er auf einem Pferd durch Manhattan, saß auf einem Segelboot vor der Skyline und später in einer Stretch-Limousine.

Das Boot gehörte ihm nicht. Die Limousine ebenfalls nicht.

Das Fernsehen beobachtete die Wirklichkeit nicht nur. Es machte sie für die Kamera lesbar.

Noch stärker geschieht das anschließend im Schnitt. Ein „gebauter Beitrag“, wie Fernsehredakteure sagen, zerlegt die reale Zeit und setzt sie neu zusammen. Oft beginnt er mit dem stärksten Bild des gesamten Drehs, das vielleicht erst Stunden später entstanden ist.

Ein Interview-Satz kann hinter einer Szene landen, die lange vorher gedreht wurde. Orte, Handlungen und Aussagen werden neu angeordnet, damit in drei, fünf oder sieben Minuten eine verständliche Geschichte entsteht.

Das ist zunächst normales journalistisches Handwerk. Trotzdem bleibt es ein Eingriff in die Wirklichkeit. Durch die Montage wird ein Ablauf erzeugt, den es in dieser Form nie gegeben hat.

Dabei muss Manipulation nicht automatisch Täuschung bedeuten. Sie wird dort problematisch, wo aus der Montage ein sachlich falscher Eindruck entsteht. Aber ein gebauter Fernsehbeitrag ist fast immer inszeniert und konstruiert.

Gonzo ist nicht das Problem.

Auch der Reporter als Teil seiner eigenen Geschichte ist nichts Neues. Hunter S. Thompson machte daraus Anfang der siebziger Jahre ein journalistisches Prinzip.

Im deutschen Reisejournalismus hat Helge Timmerberg diese Form jahrzehntelang gepflegt. Bei ihm erfährt man ebenso viel über Timmerberg wie über das Land, durch das er gerade reist. Das schadet seinen Texten keineswegs. Subjektivität kann Erkenntnis erzeugen, solange sie nicht als Objektivität verkleidet wird.

Auch Westfal nennt sich „Gonzojournalist“. Nur erklärt er nicht, was bei einem Livestream passiert.

Hunter S. Thompson erlebte etwas und schrieb anschließend darüber. Dabei konnte er auswählen, verdichten, verwerfen und neu ordnen.

Ein Livestreamer kann das nicht.

Seine Zeitachse läuft.

Das ist tatsächlich ein Authentizitätsgewinn. Eine Szene, die um 15:47 Uhr aufgenommen wurde, lässt sich nicht so montieren, als wäre sie um 14:03 Uhr passiert. Der Zuschauer bekommt im Wesentlichen die Reihenfolge präsentiert, in der sich das Ereignis vollzieht.

Dafür verschiebt sich die Möglichkeit zur Inszenierung.

Ein Fernsehredakteur kann das Material nach dem Ereignis manipulieren. Ein Livestreamer könnte versucht sein, das Ereignis selbst zu beeinflussen.

Als die Liveübertragung in die Hosentasche wanderte

Dass heute praktisch jeder von einer Demonstration live senden kann, ist technisch gesehen noch keine alte Geschichte.

Früher brauchte man dafür Ü-Wagen, Satellitenverbindungen oder später mobile Systeme, die mehrere Mobilfunknetze gleichzeitig nutzten. Dieses sogenannte Cellular Bonding bündelte mehrere SIM-Karten, damit der Stream nicht zusammenbrach, sobald ein Netz überlastet war.

Gerade Demonstrationen sind dafür ein unangenehmer Ort. Wo etwas passiert, stehen meist viele Menschen. Und deren Telefone wollen alle durch dieselbe Funkzelle.

Anfang der 2010er Jahre war ein stabiler mobiler HD-Stream deshalb noch Spezialtechnik. Dann kamen LTE, leistungsfähigere Smartphones und kleinere Bonding-Geräte. Ende 2016 meldeten Telekom, Vodafone und Telefónica bereits eine LTE-Bevölkerungsabdeckung von rund 93, 90 bzw. 80 Prozent.

Ein früher Pionier war Tim Pool bei Occupy Wall Street: 2011 lief er mit einem Samsung Galaxy S II, einem Zusatzakku und Ustream durch den Zuccotti Park. Bei der Räumung sahen zeitweise mehr als 100.000 Menschen zu. Zuschauer brachten ihm neue Akkus und gaben ihm Hinweise, wohin er gehen sollte.

Das Publikum wurde Teil der Produktion.

In Europa fiel mir diese neue Form später besonders bei Ruptly auf. Die 2013 in Berlin gegründete und zum russischen RT-Komplex gehörende Videoagentur setzte früh auf lange Live-Feeds von Demonstrationen und politischen Ereignissen.

Damit änderte sich das Versprechen.

Der klassische Fernsehbeitrag sagte: „Wir waren vor Ort, haben Material gesammelt und zeigen Ihnen jetzt, was wichtig war.”

Der Livestream sagte hingegen: „Schauen Sie selbst.”

Wenn Langeweile Reichweite kostet

Im Jahr 2017 führte YouTube den Super Chat ein. Zuschauer konnten nun dafür bezahlen, dass ihre Nachrichten im laufenden Stream sichtbar hervorgehoben werden.

Dadurch entstand etwas, das es im klassischen Fernsehen nicht gab. Der Reporter bekommt die Reaktion auf seine Arbeit nicht erst später. Er bekommt zumindest einen Teil davon während des Ereignisses mit.

Er sieht die Zuschauerzahlen, den Chat, die Likes und die bezahlten Nachrichten. Er kann erkennen, wann die Aufmerksamkeit sinkt und wann sie plötzlich steigt.

Das ist eine laufende Einschaltquote für das eigene Verhalten.

Früher erfuhr ich am nächsten Morgen, wie eine Sendung gelaufen war. Ein Streamer kann dagegen unmittelbar sehen, ob eine Konfrontation mehr Interesse erzeugt als zwanzig Minuten friedliches Herumstehen.

Genau das macht den Fall Westfal interessanter als seine politische Ausrichtung. Jemand aus seinem Umfeld beschrieb gegenüber t-online das Problem vier- oder fünfstündiger Streams ziemlich offen: Über lange Strecken passiere nichts. Das sei „eigentlich zum Abschalten“.

Aus Langeweile wird so ein ökonomisches Problem.

Im Juni 2026 veröffentlichte die Medienforscherin Harmata Aboubakar im Fachjournal New Media & Society eine Studie über besonders aggressive IRL-Streamer. Ihre Fälle sind nicht Westfal, sondern unter anderem Vitaly Zdorovetskiy und „Johnny Somali“. Eine direkte Gleichsetzung wäre deshalb unsinnig.

Der beschriebene Mechanismus ist trotzdem interessant. Aboubakar spricht von einem „Interactive Synopticon“ und beschreibt unter anderem Publikumssteuerung, Verstärkungsschleifen und verzögert eintretende Konsequenzen.

Wenn Provokation sofort Aufmerksamkeit erzeugt, während Ärger mit Veranstaltern, Polizei oder Anwälten erst später eintritt, entsteht eine eigentümliche Schieflage.

Niemand muss dem Streamer schreiben: „Mach mehr Krawall.”

Die Zahlen können ihm dasselbe sagen.

Der Rückmonitor in der Hosentasche

Dabei verändert das Smartphone nicht nur die Arbeit des Filmers.

Beim klassischen Fernsehen wusste ein Demonstrant vielleicht, dass er am Abend in einer Nachrichtensendung zu sehen sein würde. Gleichzeitig sehen konnte er sich normalerweise nicht. Einen Fernseher führte man auf Demonstrationen eher selten mit sich.

Heute kann ein Beteiligter noch während des Ereignisses erfahren, dass er gerade im Stream zu sehen ist. Freunde schreiben ihm, jemand zeigt ihm den Bildschirm oder Zuschauer reagieren im Chat. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Beteiligten ihre eigene Übertragung permanent verfolgen. Die zeitliche Trennung zwischen Auftritt und medialer Reaktion ist jedoch verschwunden.

Auch das kann das Verhalten verändern.

Wer erfährt, dass gerade 20.000 Menschen zusehen, wird möglicherweise vorsichtiger. Er kann aber genauso gut anfangen, für diese 20.000 Menschen zu spielen. Das gilt für den engagierten Zuschauer im Chat ebenso wie für den, der nur nebenbei zuschaut. Denn schon die Möglichkeit einer großen Zuschauerzahl reicht als Motivation.

Die Kamera schafft dann nicht nur Öffentlichkeit.

Sie schafft eine Bühne.

„Ungefiltert“ ist auch ein Filter.

Ulrich Siegmund lobte Westfals Übertragungen gerade deshalb, weil die Zuschauer ihm dort vier oder fünf Stunden „ungefiltert“ beim Wahlkampf folgen können.

Das Wort ist interessant. Die Redaktion erscheint darin nicht als Qualitätskontrolle, sondern als Verdachtsmoment.

Der traditionelle Journalist sagt: „Ich habe fünf Stunden Material gesehen, Aussagen überprüft und daraus fünf Minuten gebaut.”

Der Livestreamer sagt: „Bei mir bekommt ihr alles.”

Allerdings sind fünf Stunden ungeschnittenes Video nicht fünf Stunden ungefilterte Wirklichkeit. Jemand entscheidet, wohin die Kamera zeigt. Er entscheidet, wohin er geht, wem er folgt, wen er anspricht und wann er sich einmischt.

Der fehlende Schnitt beseitigt den Filter nicht.

Er verlegt ihn vor die Aufnahme.

Beim Fernsehen konnte ich eine langweilige Wirklichkeit später interessant schneiden. Diese Möglichkeit besitzt der Livestreamer nicht. Wenn nichts passiert, kann er entweder warten oder selbst dafür sorgen, dass etwas passiert.

Und damit sind wir wieder in Merseburg.

Fünf Stunden und dreißig Sekunden.

Der Livestream trägt einen weiteren Widerspruch in sich. Er suggeriert Vollständigkeit, seine eigentliche Wirkung entsteht jedoch oft durch extreme Verkürzung.

Kaum jemand wird sich Wochen später Westfals gesamten Nachmittag ansehen. Was bleibt, sind der Schubser, das Geschrei und ein Satz.

Aus fünf Stunden werden dreißig Sekunden.

Interessant ist, wer diesen Schnitt heute häufig besorgt. Es muss keine Redaktion mehr sein. Zuschauer, Gegner, Fans oder andere Accounts schneiden die auffällige Stelle heraus und laden sie auf ihren eigenen Kanälen hoch.

Damit übernimmt das Publikum einen Teil dieser alten Aufgabe.

Allerdings nach anderen Kriterien.

Ein Fernsehredakteur konnte aus fünf Stunden Material die politisch wichtigste Szene auswählen. Im Netz wird oft die Szene bevorzugt, in der jemand schreit, fällt, beleidigt wird oder besonders spektakulär die Beherrschung verliert.

Der Livestream ist deshalb sowohl Gegenentwurf zum geschnittenen Fernsehen als auch Rohstofflager für kurze Clips.

Der Schnitt ist nicht verschwunden.

Er wurde lediglich ausgelagert.

Fernsehen ohne Fernsehsender

Die Frage bleibt, wer sich überhaupt vier oder fünf Stunden Livestream ansieht.

Für deutsche politische Dauerstreams gibt es dazu wenig belastbare Forschung. Untersuchungen anderer Livestream-Plattformen zeigen jedoch, dass die Zuschauer nicht permanent auf den Bildschirm starren.

Die Streams laufen beim Essen, Arbeiten, Spielen oder bei der Hausarbeit im Hintergrund. Eine Twitch-Studie aus dem Jahr 2020 fand dieses Verhalten bei 34 der 84 Befragten. Andere Untersuchungen beschreiben treue Zuschauer:innen, die kaum selbst schreiben und den Stream eher als Begleitung nutzen.

Die Vorstellung vom Menschen, der sich fünf Stunden lang konzentriert einen politischen Stream anschaut, dürfte deshalb häufig falsch sein.

Vielleicht läuft der Stream einfach wie früher das Fernsehen.

Wenn es knallt, schaut man hin.

Der „Digital News Report 2026” zeigt ohnehin, dass längere Nachrichtenvideos auf YouTube keineswegs verschwunden sind. Fast ein Viertel der Nutzer von News-Videos auf YouTube sieht wöchentlich Beiträge von mehr als zwanzig Minuten.

Das Problem des klassischen Fernsehens ist also möglicherweise gar nicht, dass niemand mehr längere Geschichten sehen will.

Vielleicht wollen die Leute nur nicht mehr darauf warten, dass ihnen um 21:45 Uhr jemand eine solche Geschichte vorsetzt.

Der Reporter als Ereignis

Es wäre unsinnig, daraus eine nostalgische Verteidigung des alten Fernsehens zu machen. Dazu kenne ich es zu gut mit all den eingangs beschriebenen Tricks.

Entscheidend ist etwas anderes: Beim Fernsehen lag zwischen Ereignis und Veröffentlichung immer eine redaktionelle Phase.

Beim Livestream entfällt diese Montage, wodurch er an Authentizität gewinnt. Gleichzeitig verliert er jedoch eine Kontrollstufe. Zudem fügt er etwas hinzu, das wir früher kaum kannten: die unmittelbare Reaktion des Publikums auf das Verhalten des Reporters.

Hunter S. Thompson machte den Reporter im Nachhinein zur Figur seiner Geschichte.

Das Fernsehen formte die Wirklichkeit im Schneideraum für den Beitrag um.

Der Livestream kann den Reporter dazu verführen, die Wirklichkeit sofort passend zu machen – mitten im Ereignis.



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