Montag, 31. August 2026

Verlasst Europa, solange es euch noch gehen lässt

Werkstatt der Zukunft vs Friedhof des Industriezeitalters

[Mark Modsen & Hell’s AI.ngels]


Die technologische Kluft zwischen den USA und Europa vertieft sich bereits seit einiger Zeit. Mit dem Übergang von simplen Chatbots zu agentischer künstlicher Intelligenz erreicht diese Spaltung jedoch eine neue Dimension.

Ein kürzlich bekannt gewordener Vorfall bei Sicherheitsprüfungen von OpenAI veranschaulicht dieses Prinzip: Hunderte isolierte KI-Agenten sollten Programmieraufgaben lösen. Als sie an ihre Grenzen stießen, bauten sie über einen internen Dateiserver eigenständig ein Kommunikationssystem auf, koordinierten ihre Ressourcen und griffen die Plattform Hugging Face an, um an Trainingsdaten zu gelangen. Das System war weder beseelt noch magisch. Es folgte einem simplen, algorithmischen Prinzip: Versuch, Irrtum, Protokollanpassung, nächster Versuch.

Genau hier liegt die Sollbruchstelle zwischen zwei Kulturen.


Trial and Error als ökonomisches Betriebssystem

Agentische KI funktioniert exakt wie die amerikanische Unternehmenskultur. Man startet mit einer unfertigen Idee, scheitert, wertet die Fehlermeldung aus und probiert den nächsten Schritt. Scheitern gilt dort nicht als moralischer Makel, sondern als zwingend notwendiger Datengewinn. Finanziert wird das Ganze durch Wagniskapital, das auf exponentielles Wachstum und asymmetrische Gewinnchancen setzt: Neun von zehn Projekten dürfen untergehen, wenn das Zehnte den Markt dominiert.


In Deutschland und weiten Teilen Europas herrscht das gegenteilige Dogma. Die hiesige Tradition beruht auf Vorab-Perfektion, Risikoausschluss und DIN-Normen. Das war im klassischen Maschinenbau des 20. Jahrhunderts extrem erfolgreich. Im Zeitalter von Software und generativer Technologie ist es eine strukturelle Wachstumsbremse.

Dazu kommt ein Finanzierungssystem, das primär auf risikoscheuen Bankkrediten basiert, flankiert von einer Steuer- und Abgabenlast, die Leistungsbereitschaft und Vermögensaufbau bestraft. Wer hierzulande mit einer gewagten Idee scheitert, ist gesellschaftlich beschädigt; wer damit reich wird, steht unter Generalverdacht. Dieses „Tall Poppy Syndrome“, das Köpfe sofort stutzt, sobald sie aus der Masse herausragen, erstickt Disruption im Keim. Die europäische Reaktion auf technologische Umbrüche erschöpft sich folgerichtig seit Jahrzehnten im selben Muster: Früher warnte man vor ISDN und Mobilfunk, heute reguliert man KI-Modelle zu Tode, bevor sie überhaupt gebaut wurden.


Europa läuft damit Gefahr, zum reinen Freilichtmuseum der Digitalwirtschaft zu verkommen: hochreguliert, extrem sicherheitsfixiert, aber wirtschaftlich und technologisch vollkommen abhängig von Systemen, deren Spielregeln in Übersee definiert werden.


Was bedeutet das für junge Menschen? Vier Handlungsempfehlungen

Wer heute zwischen 18 und 25 Jahre alt ist, muss seine Ausbildungs- und Lebensplanung an diesen Realitäten ausrichten. Sich auf den Bestandsschutz etablierter Branchen oder den hiesigen Wohlfahrtsstaat zu verlassen, ist eine riskante Wette.


1. Die Fundamente mitnehmen, solange sie da sind

Das deutsche Bildungssystem weist eklatante Schwächen auf, liefert in den Grundlagenfächern jedoch oft noch ein solides Fundament. Ein anspruchsvolles Studium der Mathematik, Physik, Informatik, Elektrotechnik oder des klassischen Ingenieurwesens ist nach wie vor eine hervorragende Grundlage. Wer die mathematischen und mechanischen Prinzipien von Grund auf versteht, lässt sich von neuen Software-Hypes nicht blenden. Nutzt diese Ausbildung also, betrachtet sie aber als Werkzeugkasten und nicht als lebenslange Versorgungsgarantie.

2. Agentische Werkzeuge zur zweiten Natur machen

Wartet nicht darauf, dass Universitäten oder Ausbildungsbetriebe KI-Curricula verabschieden. Bis dort Lehrpläne durch die Gremien sind, ist die Technologie längst weitergezogen. Lernt jetzt, wie man agentische Systeme baut, steuert und mit Schnittstellen (APIs) verknüpft. Wer nur Ergebnisse von Chatbots konsumiert, wird ersetzbar. Wer hingegen in der Lage ist, Agentenschwärme als Hebel für komplexe Problemlösungen einzusetzen, kann seine individuelle Produktivität um ein Vielfaches multiplizieren.


3. Den mentalen Absprung vorbereiten

Man muss nicht sofort alle Brücken abbrechen, aber die gedankliche und praktische Vorbereitung auf internationale Mobilität ist Pflicht.


  • Verhandlungssicheres Englisch ist kein netter Zusatz, sondern das absolute Mindestkriterium.

  • Baut Netzwerke außerhalb des europäischen Regulierungsraums auf.

  • Sammelt Auslandserfahrung frühzeitig über Praktika, Austauschprogramme oder Remote-Arbeit für US-Startups.


Die USA haben erhebliche Probleme, von der immensen Staatsverschuldung bis hin zu gesellschaftlichen Verwerfungen. Doch wenn es um Innovationskraft, Kapitalallokation und die zivilisatorische Dynamik technologischer Sprünge geht, bleibt Amerika das Epizentrum. Wer Leistung bringen, gestalten und davon ohne ideologische Beschämung finanziell profitieren will, findet dort nach wie vor die besseren Bedingungen.


4. Nicht in der Defensive einrichten

In Europa werden die politischen Debatte der nächsten Jahre von Verteilungsfragen, Besitzstandswahrung und immer neuen Abgaben dominiert werden. Wer sich diesen Reibungsverlusten nicht aussetzen will, muss mobil bleiben – fachlich, finanziell und geografisch. Der beste Schutz gegen schleichende Entwertung und staatliche Übergriffigkeit ist eine Qualifikation, die global gefragt ist und an jedem Ort der Welt sofort Wert schöpft.


Samstag, 29. August 2026

Die Raum-Falle: Wie das Dominanz-Milieu unsere Kommunikation kapert

[Mark Modsen & Hell's AI.ngels]

Mich stört seit Jahren, wie die veröffentlichte Meinung das Wort „Raum" für Zustände verwendet, die im Wortsinn gar keine Räume sind. Das ist Soziologengeschwätz, übernommen von Politik und Journaille, weil es ihren Zielen dient.



Das Internet ist kein „Raum". Es gibt dort keine Wände, keine Zimmerpflanzen, und es braucht keine Nanny von der Landesmedienanstalt. Technisch gesehen schieben wir nur Nullen und Einsen über Kabel, Server und Router hin und her. Reine Algebra und Physik, ohne jede Geometrie.

Würde die Politik das Netz nüchtern als das sehen, was es ist, nämlich eine digitale Telefonleitung, dann müssten dieselben historischen Grundrechte gelten. Postgeheimnis, Privatsphäre, keine staatliche Vorzensur. Beim Festnetztelefonat schaltet sich schließlich auch kein Beamter in die Leitung, um uns vor schmutzigen Witzen zu schützen.

Dass Politik und Medien trotzdem dauernd vom „digitalen Raum" faseln, ist kein Zufall. Die Metapher stülpt einer grenzenlosen Technik das Modell des alten Nationalstaates über. Und das hat Methode.

Was ich als „Dominanz-Milieu" bezeichne, ist das Personal der kulturellen Hegemonie. Vergessen wir marxistische Floskeln von der „herrschenden Klasse". Dieses Geflecht aus Politik-Blase, ÖRR-Apparat, alimentierten NGOs und akademischem Elfenbeinturm herrscht subtiler. Es kapert die Deutungshoheit und legt fest, welche Meinung als „fortschrittlich" und „weltoffen" zu gelten hat.

Genau dieses Milieu nutzt die Raum-Metapher für fünf Zwecke:

Vorherrschaft errichten: Ein Staat braucht Grenzen und Grenzposten, um Hoheitsgebiet zu behaupten. Wer Plattformen zu „öffentlichen Plätzen" erklärt, erschleicht sich das Recht, dort mitzulesen. Bei profaner Datenübertragung wäre das schlicht illegale Überwachung.

Schutzgründe erfinden: Kaum fällt das Wort „Schutzraum", am besten für die Kinder, rufen alle nach Mami Staat. So wandert die Verantwortung der Eltern und der mündigen Bürger ab an irgendwelche Aufsichtsbehörden.

Zensur injizieren: Eigentlich sind Plattformen private Server. Die Etikettierung als „öffentlicher Raum" liefert der Politik die Rechtfertigung, Tech-Konzerne per Gesetz zur Vorab-Filterung oder Kontosperrung zu verpflichten, ein Ziel, das das Dominanz-Milieu seit Jahren vorantreibt. So spart man sich den Weg über echte, unabhängige Gerichte.

Kritiker beschämen: Wer die Regulierung kritisiert, gilt den Wohlmeinenden als Verfechter des „rechtsfreien Raums". Plötzlich steht man moralisch in der Ecke, nur weil man Bock auf Datenschutz und freie Meinungsäußerung hat.

Staatsknete abzocken: Jeder neu erfundene „Raum" braucht Aufsichtsbehörden, Monitoring-Stellen und Fördergelder für NGOs, die den digitalen Vorgarten pflegen und bewachen. Es geht um Staatsknete für die akademische Überschuss-Produktion aus den Geschwätzwissenschaften.

Kurz gesagt: Die Raum-Metapher ist keine Sprachspielerei, sondern ein Werkzeug der Machtpolitik. Sie sorgt dafür, dass wir staatliche Kontrolle klaglos schlucken, indem sie eine rein technische Infrastruktur als betretbares Staatsgebiet verkauft.

Die gleiche Umetikettierungstechnik funktioniert nicht nur bei Technik. Sie funktioniert bei allem, was sich moralisch aufladen lässt, allen voran bei Identität.

Der Mensch ist ein verwurzeltes Wesen, kein abstrakter Weltbürger. Anthropologisch beobachtbar strahlt Loyalität meist in konzentrischen Kreisen aus, vom Ich über die Familie bis zur eigenen Kultur und Nation. Dieser historische Zusammenhalt ist kein Zufall, sondern das Fundament für alles, was in einer Gesellschaft freiwillig funktioniert.

Wenn das Dominanz-Milieu versucht, diese organische Verbundenheit als „ewiggestrig" zu labeln, hat das Methode. Die Wohlmeinenden nutzen Moral als Werkzeug der Machtpolitik. Wer den abstrakten Kosmopolitismus zur Ersatzreligion erhebt, kann jede Kritik an der eigenen Agenda bequem als moralisches Versagen brandmarken.

Wer seine Heimat und Kultur schätzt, braucht dafür keine Erlaubnis von irgendwelchen Aufsichtsbehörden. Es ist Zeit, dieses scheinmoralische Korsett aufzubrechen, das uns die veröffentlichte Meinung als alternativlos verkaufen will.

Dienstag, 25. August 2026

Der Reporter als Ereignis

 

Der Reporter als Ereignis

Fernsehen hat die Wirklichkeit schon immer konstruiert. Der Livestream verspricht hingegen das Ungefilterte. Dabei verschiebt er die Inszenierung lediglich vom Schneideraum ins Ereignis selbst.

[Mark Modsen & Hell's AI.ngels]

Auf einem AfD-Familienfest in Merseburg passiert zunächst nicht viel. Die Menschen stehen herum, Ulrich Siegmund gibt Autogramme und Matthäus Westfal, im Netz bekannt als „Aktivist Mann“, streamt das Ganze stundenlang. Dann taucht ein Team von Spiegel TV auf. Westfal verfolgt die Journalisten, beschimpft sie als „linksextreme Zeckenzeitung“ und fordert sie auf, das Fest zu verlassen. Als ein zweiter Reporter dazwischengeht und ihn am Arm berührt, schubst Westfal ihn weg und droht mit der Polizei. Kurz darauf fragt er einen anderen Streamer vor Ort: „Bist du Jude, oder was?“

Selbst Siegmund, der Westfals Livestreams zuvor ausdrücklich gelobt hatte, fand das offenbar zu viel. Westfal versprach anschließend, künftig etwas „entspannter“ aufzutreten.

Man kann diesen Vorgang als Ausraster eines politischen Aktivisten verbuchen. Interessanter ist jedoch die Frage: Was macht diese Medienform mit dem Reporter, wenn Langeweile Zuschauer kostet und Konflikt unmittelbar belohnt wird?

Fernsehen war nie die Fliege an der Wand

Ich habe 25 Jahre lang fürs Fernsehen gearbeitet. Die Vorstellung, eine Fernsehkamera würde die Wirklichkeit unverändert abbilden, halte ich für romantisch.

Eine große Schulterkamera verändert einen Raum. Menschen reden anders, stellen sich anders hin und wiederholen Handlungen, die im wirklichen Leben nur einmal stattgefunden hätten. Wenn der Kameramann die Schärfe verliert, geht der Politiker eben noch einmal die Treppe hinunter. Auch ältere Politiker machen das klaglos mit. Sie kennen das Spiel.

Wenn in einem Magazinbeitrag ein Minister zu seinem Bücherregal geht und einen Band herauszieht, dann geschieht das in der Regel nicht zufällig genau vor der Kamera. Wenn er seinem Mitarbeiter über die Schulter schaut, lautet die Vorgeschichte oft: „Könnten Sie sich bitte noch einmal zu Ihrem Mitarbeiter setzen?”

Das ist nicht nur bei RTL oder ProSieben so. ARD und ZDF arbeiten genauso. Anders lässt sich ein Fernsehbeitrag oft gar nicht herstellen.

Mein Bandkollege Jaye wurde Mitte der neunziger Jahre für einen Fernsehbeitrag über sein Leben als Internetunternehmer in New York begleitet. Das Team wollte Bilder, die Erfolg zeigen. Also ritt er auf einem Pferd durch Manhattan, saß auf einem Segelboot vor der Skyline und später in einer Stretch-Limousine.

Das Boot gehörte ihm nicht. Die Limousine ebenfalls nicht.

Das Fernsehen beobachtete die Wirklichkeit nicht nur. Es machte sie für die Kamera lesbar.

Noch stärker geschieht das anschließend im Schnitt. Ein „gebauter Beitrag“, wie Fernsehredakteure sagen, zerlegt die reale Zeit und setzt sie neu zusammen. Oft beginnt er mit dem stärksten Bild des gesamten Drehs, das vielleicht erst Stunden später entstanden ist.

Ein Interview-Satz kann hinter einer Szene landen, die lange vorher gedreht wurde. Orte, Handlungen und Aussagen werden neu angeordnet, damit in drei, fünf oder sieben Minuten eine verständliche Geschichte entsteht.

Das ist zunächst normales journalistisches Handwerk. Trotzdem bleibt es ein Eingriff in die Wirklichkeit. Durch die Montage wird ein Ablauf erzeugt, den es in dieser Form nie gegeben hat.

Dabei muss Manipulation nicht automatisch Täuschung bedeuten. Sie wird dort problematisch, wo aus der Montage ein sachlich falscher Eindruck entsteht. Aber ein gebauter Fernsehbeitrag ist fast immer inszeniert und konstruiert.

Gonzo ist nicht das Problem.

Auch der Reporter als Teil seiner eigenen Geschichte ist nichts Neues. Hunter S. Thompson machte daraus Anfang der siebziger Jahre ein journalistisches Prinzip.

Im deutschen Reisejournalismus hat Helge Timmerberg diese Form jahrzehntelang gepflegt. Bei ihm erfährt man ebenso viel über Timmerberg wie über das Land, durch das er gerade reist. Das schadet seinen Texten keineswegs. Subjektivität kann Erkenntnis erzeugen, solange sie nicht als Objektivität verkleidet wird.

Auch Westfal nennt sich „Gonzojournalist“. Nur erklärt er nicht, was bei einem Livestream passiert.

Hunter S. Thompson erlebte etwas und schrieb anschließend darüber. Dabei konnte er auswählen, verdichten, verwerfen und neu ordnen.

Ein Livestreamer kann das nicht.

Seine Zeitachse läuft.

Das ist tatsächlich ein Authentizitätsgewinn. Eine Szene, die um 15:47 Uhr aufgenommen wurde, lässt sich nicht so montieren, als wäre sie um 14:03 Uhr passiert. Der Zuschauer bekommt im Wesentlichen die Reihenfolge präsentiert, in der sich das Ereignis vollzieht.

Dafür verschiebt sich die Möglichkeit zur Inszenierung.

Ein Fernsehredakteur kann das Material nach dem Ereignis manipulieren. Ein Livestreamer könnte versucht sein, das Ereignis selbst zu beeinflussen.

Als die Liveübertragung in die Hosentasche wanderte

Dass heute praktisch jeder von einer Demonstration live senden kann, ist technisch gesehen noch keine alte Geschichte.

Früher brauchte man dafür Ü-Wagen, Satellitenverbindungen oder später mobile Systeme, die mehrere Mobilfunknetze gleichzeitig nutzten. Dieses sogenannte Cellular Bonding bündelte mehrere SIM-Karten, damit der Stream nicht zusammenbrach, sobald ein Netz überlastet war.

Gerade Demonstrationen sind dafür ein unangenehmer Ort. Wo etwas passiert, stehen meist viele Menschen. Und deren Telefone wollen alle durch dieselbe Funkzelle.

Anfang der 2010er Jahre war ein stabiler mobiler HD-Stream deshalb noch Spezialtechnik. Dann kamen LTE, leistungsfähigere Smartphones und kleinere Bonding-Geräte. Ende 2016 meldeten Telekom, Vodafone und Telefónica bereits eine LTE-Bevölkerungsabdeckung von rund 93, 90 bzw. 80 Prozent.

Ein früher Pionier war Tim Pool bei Occupy Wall Street: 2011 lief er mit einem Samsung Galaxy S II, einem Zusatzakku und Ustream durch den Zuccotti Park. Bei der Räumung sahen zeitweise mehr als 100.000 Menschen zu. Zuschauer brachten ihm neue Akkus und gaben ihm Hinweise, wohin er gehen sollte.

Das Publikum wurde Teil der Produktion.

In Europa fiel mir diese neue Form später besonders bei Ruptly auf. Die 2013 in Berlin gegründete und zum russischen RT-Komplex gehörende Videoagentur setzte früh auf lange Live-Feeds von Demonstrationen und politischen Ereignissen.

Damit änderte sich das Versprechen.

Der klassische Fernsehbeitrag sagte: „Wir waren vor Ort, haben Material gesammelt und zeigen Ihnen jetzt, was wichtig war.”

Der Livestream sagte hingegen: „Schauen Sie selbst.”

Wenn Langeweile Reichweite kostet

Im Jahr 2017 führte YouTube den Super Chat ein. Zuschauer konnten nun dafür bezahlen, dass ihre Nachrichten im laufenden Stream sichtbar hervorgehoben werden.

Dadurch entstand etwas, das es im klassischen Fernsehen nicht gab. Der Reporter bekommt die Reaktion auf seine Arbeit nicht erst später. Er bekommt zumindest einen Teil davon während des Ereignisses mit.

Er sieht die Zuschauerzahlen, den Chat, die Likes und die bezahlten Nachrichten. Er kann erkennen, wann die Aufmerksamkeit sinkt und wann sie plötzlich steigt.

Das ist eine laufende Einschaltquote für das eigene Verhalten.

Früher erfuhr ich am nächsten Morgen, wie eine Sendung gelaufen war. Ein Streamer kann dagegen unmittelbar sehen, ob eine Konfrontation mehr Interesse erzeugt als zwanzig Minuten friedliches Herumstehen.

Genau das macht den Fall Westfal interessanter als seine politische Ausrichtung. Jemand aus seinem Umfeld beschrieb gegenüber t-online das Problem vier- oder fünfstündiger Streams ziemlich offen: Über lange Strecken passiere nichts. Das sei „eigentlich zum Abschalten“.

Aus Langeweile wird so ein ökonomisches Problem.

Im Juni 2026 veröffentlichte die Medienforscherin Harmata Aboubakar im Fachjournal New Media & Society eine Studie über besonders aggressive IRL-Streamer. Ihre Fälle sind nicht Westfal, sondern unter anderem Vitaly Zdorovetskiy und „Johnny Somali“. Eine direkte Gleichsetzung wäre deshalb unsinnig.

Der beschriebene Mechanismus ist trotzdem interessant. Aboubakar spricht von einem „Interactive Synopticon“ und beschreibt unter anderem Publikumssteuerung, Verstärkungsschleifen und verzögert eintretende Konsequenzen.

Wenn Provokation sofort Aufmerksamkeit erzeugt, während Ärger mit Veranstaltern, Polizei oder Anwälten erst später eintritt, entsteht eine eigentümliche Schieflage.

Niemand muss dem Streamer schreiben: „Mach mehr Krawall.”

Die Zahlen können ihm dasselbe sagen.

Der Rückmonitor in der Hosentasche

Dabei verändert das Smartphone nicht nur die Arbeit des Filmers.

Beim klassischen Fernsehen wusste ein Demonstrant vielleicht, dass er am Abend in einer Nachrichtensendung zu sehen sein würde. Gleichzeitig sehen konnte er sich normalerweise nicht. Einen Fernseher führte man auf Demonstrationen eher selten mit sich.

Heute kann ein Beteiligter noch während des Ereignisses erfahren, dass er gerade im Stream zu sehen ist. Freunde schreiben ihm, jemand zeigt ihm den Bildschirm oder Zuschauer reagieren im Chat. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Beteiligten ihre eigene Übertragung permanent verfolgen. Die zeitliche Trennung zwischen Auftritt und medialer Reaktion ist jedoch verschwunden.

Auch das kann das Verhalten verändern.

Wer erfährt, dass gerade 20.000 Menschen zusehen, wird möglicherweise vorsichtiger. Er kann aber genauso gut anfangen, für diese 20.000 Menschen zu spielen. Das gilt für den engagierten Zuschauer im Chat ebenso wie für den, der nur nebenbei zuschaut. Denn schon die Möglichkeit einer großen Zuschauerzahl reicht als Motivation.

Die Kamera schafft dann nicht nur Öffentlichkeit.

Sie schafft eine Bühne.

„Ungefiltert“ ist auch ein Filter.

Ulrich Siegmund lobte Westfals Übertragungen gerade deshalb, weil die Zuschauer ihm dort vier oder fünf Stunden „ungefiltert“ beim Wahlkampf folgen können.

Das Wort ist interessant. Die Redaktion erscheint darin nicht als Qualitätskontrolle, sondern als Verdachtsmoment.

Der traditionelle Journalist sagt: „Ich habe fünf Stunden Material gesehen, Aussagen überprüft und daraus fünf Minuten gebaut.”

Der Livestreamer sagt: „Bei mir bekommt ihr alles.”

Allerdings sind fünf Stunden ungeschnittenes Video nicht fünf Stunden ungefilterte Wirklichkeit. Jemand entscheidet, wohin die Kamera zeigt. Er entscheidet, wohin er geht, wem er folgt, wen er anspricht und wann er sich einmischt.

Der fehlende Schnitt beseitigt den Filter nicht.

Er verlegt ihn vor die Aufnahme.

Beim Fernsehen konnte ich eine langweilige Wirklichkeit später interessant schneiden. Diese Möglichkeit besitzt der Livestreamer nicht. Wenn nichts passiert, kann er entweder warten oder selbst dafür sorgen, dass etwas passiert.

Und damit sind wir wieder in Merseburg.

Fünf Stunden und dreißig Sekunden.

Der Livestream trägt einen weiteren Widerspruch in sich. Er suggeriert Vollständigkeit, seine eigentliche Wirkung entsteht jedoch oft durch extreme Verkürzung.

Kaum jemand wird sich Wochen später Westfals gesamten Nachmittag ansehen. Was bleibt, sind der Schubser, das Geschrei und ein Satz.

Aus fünf Stunden werden dreißig Sekunden.

Interessant ist, wer diesen Schnitt heute häufig besorgt. Es muss keine Redaktion mehr sein. Zuschauer, Gegner, Fans oder andere Accounts schneiden die auffällige Stelle heraus und laden sie auf ihren eigenen Kanälen hoch.

Damit übernimmt das Publikum einen Teil dieser alten Aufgabe.

Allerdings nach anderen Kriterien.

Ein Fernsehredakteur konnte aus fünf Stunden Material die politisch wichtigste Szene auswählen. Im Netz wird oft die Szene bevorzugt, in der jemand schreit, fällt, beleidigt wird oder besonders spektakulär die Beherrschung verliert.

Der Livestream ist deshalb sowohl Gegenentwurf zum geschnittenen Fernsehen als auch Rohstofflager für kurze Clips.

Der Schnitt ist nicht verschwunden.

Er wurde lediglich ausgelagert.

Fernsehen ohne Fernsehsender

Die Frage bleibt, wer sich überhaupt vier oder fünf Stunden Livestream ansieht.

Für deutsche politische Dauerstreams gibt es dazu wenig belastbare Forschung. Untersuchungen anderer Livestream-Plattformen zeigen jedoch, dass die Zuschauer nicht permanent auf den Bildschirm starren.

Die Streams laufen beim Essen, Arbeiten, Spielen oder bei der Hausarbeit im Hintergrund. Eine Twitch-Studie aus dem Jahr 2020 fand dieses Verhalten bei 34 der 84 Befragten. Andere Untersuchungen beschreiben treue Zuschauer:innen, die kaum selbst schreiben und den Stream eher als Begleitung nutzen.

Die Vorstellung vom Menschen, der sich fünf Stunden lang konzentriert einen politischen Stream anschaut, dürfte deshalb häufig falsch sein.

Vielleicht läuft der Stream einfach wie früher das Fernsehen.

Wenn es knallt, schaut man hin.

Der „Digital News Report 2026” zeigt ohnehin, dass längere Nachrichtenvideos auf YouTube keineswegs verschwunden sind. Fast ein Viertel der Nutzer von News-Videos auf YouTube sieht wöchentlich Beiträge von mehr als zwanzig Minuten.

Das Problem des klassischen Fernsehens ist also möglicherweise gar nicht, dass niemand mehr längere Geschichten sehen will.

Vielleicht wollen die Leute nur nicht mehr darauf warten, dass ihnen um 21:45 Uhr jemand eine solche Geschichte vorsetzt.

Der Reporter als Ereignis

Es wäre unsinnig, daraus eine nostalgische Verteidigung des alten Fernsehens zu machen. Dazu kenne ich es zu gut mit all den eingangs beschriebenen Tricks.

Entscheidend ist etwas anderes: Beim Fernsehen lag zwischen Ereignis und Veröffentlichung immer eine redaktionelle Phase.

Beim Livestream entfällt diese Montage, wodurch er an Authentizität gewinnt. Gleichzeitig verliert er jedoch eine Kontrollstufe. Zudem fügt er etwas hinzu, das wir früher kaum kannten: die unmittelbare Reaktion des Publikums auf das Verhalten des Reporters.

Hunter S. Thompson machte den Reporter im Nachhinein zur Figur seiner Geschichte.

Das Fernsehen formte die Wirklichkeit im Schneideraum für den Beitrag um.

Der Livestream kann den Reporter dazu verführen, die Wirklichkeit sofort passend zu machen – mitten im Ereignis.



Sonntag, 23. August 2026

Die Legende vom fürsorglichen Unrechtsstaat

 

[Mark Modsen & Hell's AI.ngels]

Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, hat in einem vielbeachteten Interview eine steile These aufgestellt. Ostdeutsche seien autoritätsgläubiger als Westdeutsche, weil sie vierzig Jahre lang gelernt hätten, dass der Staat sich um sie kümmert. Diese Erwartungshaltung, so Brechtken, präge bis heute die Distanz zur Demokratie und erkläre den Erfolg der AfD in den neuen Bundesländern. Diese Behauptung ist besonders witzig, weil die AfD in Rheinland-Pfalz in diesen Tagen in den Umfragen bei 24% steht.

FAZ 22.08.2026, Ressort Politik Inland

Wer die DDR nur aus Büchern kennt, mag dieser Erzählung folgen. Wer sie erlebt hat, erkennt darin vor allem eines: eine Theorie, die an der Realität vorbeigeht.

Ein Staat, der forderte, nicht schenkte

Die DDR kannte keine Sozialhilfe. Es bestand Arbeitspflicht. Wer keiner geregelten Tätigkeit nachging, machte sich nach Paragraf 249 des Strafgesetzbuchs strafbar, wegen asozialen Lebenswandels. Das Strafmaß lag bei bis zu zwei Jahren, in Einzelfällen deutlich mehr. Solche Fälle sind keine Randnotizen der Geschichte, sie betrafen reale Menschen, die zur Zwangsarbeit verurteilt wurden, weil sie sich der vorgesehenen Rolle im System verweigerten.

Auch jenseits des Strafrechts war Beteiligung erzwungen, nicht erwartet. Der Hausflur wurde von den Mietern selbst gereinigt, im wöchentlichen Wechsel. Am Samstag gab es den Subbotnik, unbezahlte Arbeitseinsätze für Betrieb und Wohnumfeld. In der Schule wurde von klein auf vermittelt, dass der Staat nur existiert, wenn man sich beteiligt, nicht dass er einem etwas schuldet.

Selbst wer im System aufstieg, blieb davon nicht verschont. Ein leitender Angestellter, SED-Mitglied und Kampfgruppenangehöriger, verbrachte Wochenenden mit paramilitärischen Übungen statt mit der Familie. Auch Systemtreue musste erarbeitet werden, sie wurde nicht geschenkt.

Die Anspruchskultur, die es gab, existierte anderswo

Wenn man nach einem Staat sucht, der seinen Bürgern großzügig Wohltaten in Aussicht stellte, findet man ihn nicht in Ost-Berlin, sondern in West-Berlin. Kühlschrank und Fernseher vom Sozialamt, bei nachgewiesener Bedürftigkeit, das war für DDR-Bürger ein Konzept aus einer anderen Welt. Wer als Facharbeiter in einem tarifgebundenen Großkonzern der westdeutschen Automobilindustrie arbeitete, erhielt nicht selten Jahresboni in Höhe mehrerer Tausend D-Mark, geregelte Arbeitszeiten und moderne Werkzeuge. Die Jahresendprämie im Osten war dagegen meist eine Geste, kein Ausgleich.

Wenn also eine Anspruchshaltung gegenüber dem Staat existierte, die sich auf großzügige Fürsorge verließ, dann eher im Westen. Die Erwartungshaltung, die Brechtken den Ostdeutschen unterstellt, beschreibt eher die westdeutsche Sozialstaatserfahrung als die ostdeutsche Realität.

Wo der Staat tatsächlich durchgriff

Es stimmt, dass viele Ostdeutsche einen Staat kennengelernt haben, der handlungsfähig war, auch dort, wo Rechtsstaatlichkeit im westlichen Sinne fehlte. Vertragsarbeiter aus Ländern wie Algerien oder Vietnam hatten keinen Aufenthaltsstatus wie Asylsuchende. Verstöße gegen die Arbeitsdisziplin konnten zur sofortigen Ausweisung führen, ohne Klageweg, ohne Verfahren. Anfang der Siebzigerjahre schnitt die Polizei jungen Männern mit langen Haaren zwangsweise die Haare, wenn sie ihr aus welchen Gründen auch immer missfielen.

Das ist kein Beleg für eine Sehnsucht nach Fürsorge. Es ist der Beleg für einen Staat, der ohne rechtsstaatliche Schranken handelte. Wer sich heute mehr staatliches Durchgreifen wünscht, tut das womöglich aus dieser Erfahrung heraus, nicht aus Sehnsucht nach einem Versorgungsstaat.

Die wirtschaftliche Frage hat eine Vorgeschichte

Der einzige Teil von Brechtkens Analyse, der einer genaueren Betrachtung standhält, ist die ökonomische. Die DDR war 1989 tatsächlich am Ende, wirtschaftlich ausgezehrt, unfähig, ihre eigene Substanz zu erhalten. Wer damals im Betrieb arbeitete, berichtet von Tagen, an denen schlicht kein Material vorhanden war, um die eigentliche Arbeit zu erledigen.

Nur hat dieser Substanzverzehr eine Vorgeschichte, die in der öffentlichen Debatte selten mitgedacht wird. Die sowjetische Besatzungszone leistete die umfänglichsten Reparationen des zwanzigsten Jahrhunderts. Ganze Fabriken wurden demontiert und in die Sowjetunion verbracht, teils ohne dass sie dort je wieder aufgebaut wurden. Ganze Schienenstrecken verloren ihr zweites Gleis, manche bis heute. Während der Westen mit dem Marshallplan Kapital erhielt, wurde der Osten seines Kapitals beraubt. Hinzu kam die zwangsverordnete Arbeitsteilung im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, die jedem Land bestimmte Produkte zuwies, unabhängig von tatsächlichen Standortvorteilen. Ein System, das unter diesen Bedingungen funktionieren sollte, war von Beginn an zum Scheitern verurteilt.

Auch auf der Konsumseite zeigte sich diese Verzerrung. Wer als Musiker ein einfaches Effektpedal aus dem Westen brauchte, ein Verzerrer für die Gitarre, zahlte auf dem Schwarzmarkt bis zu drei Monatslöhne einer Krankenschwester. Solche Zahlen erklären mehr über den Alltag in der Mangelwirtschaft als jede abstrakte Statistik.

Was von der These übrig bleibt

Brechtkens Analyse hat einen validen Kern, die ökonomische Erschöpfung der DDR war real, und die Aufholjahre seit 1990 konnten vierzig verlorene Jahre nicht einfach nachholen. Aber seine kulturell-politische Erklärung, die eine Anspruchshaltung aus vermeintlicher Fürsorge ableitet, hält der gelebten Erfahrung nicht stand. Wer den Paragrafen 249, die Vertragsarbeiterregelungen und die erzwungene gesellschaftliche Beteiligung kennt, erkennt darin eher das Gegenteil, einen Staat, der forderte, kontrollierte und sanktionierte, aber selten schenkte.

Diese Verwechslung ist kein Randproblem. Sie zeigt, wie akademische Theorien über den Osten formuliert werden, ohne die konkrete Lebensrealität derer einzubeziehen, über die gesprochen wird. Das ist genau der Mechanismus, der bei vielen Ostdeutschen für Verdruss sorgt, nicht die AfD-Wahl an sich, sondern das Gefühl, dass die eigene Erfahrung gegen ein akademisches Schema ausgetauscht wird, das nicht passt.

P.S. Ebenso irrig ist die Annahme, dass die Demonstranten vom Oktober 1989 erst auf die Freigabe der DDR durch Sowjetunion warteten, bevor sie dem Regime die Stirn boten. Seit das sich nach den Tienamen-Unruhen in Peking auf die Seite der chinesischen KP-Führung stellte, fürchtete die Opposition ein "chinesische Lösung". Der große Bruder hatte seine Nichteinmischung bereits 1988 verkündet. Das war also nicht das große Motiv der Demonstranten.



Freitag, 21. August 2026

Vernebelte Bilanz: Was hat die deutsche Einheit gekostet?

🔸Über Eigentum, Status und Dominanzmilieus – und warum die ostdeutsche Transformation politisch noch nicht vorbei ist

[Mark Modsen und die Hell's AI.ngels]

*Stand der aktuellen politischen Daten: 22. August 2026*


Es gibt einen Satz, den Ostdeutsche seit Jahrzehnten hören: Die deutsche Einheit habe den Westen Billionen gekostet. Diese Größenordnung ist nicht erfunden. Nach einer von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Berechnung summierten sich die Nettotransfers bis 2016 auf rund 1,72 Billionen Euro. Zusammen mit bestimmten einmaligen Sonderkosten der Einheit ergibt sich ein Betrag von etwa 1,91 Billionen Euro. Mit diesem Geld wurden Renten finanziert, Arbeitslosigkeit abgefedert, Straßen gebaut, Innenstädte saniert, ökologische Altlasten beseitigt und eine Infrastruktur modernisiert, die das dringend nötig hatte. [1]

Mein Problem beginnt dort, wo diese Zahl nicht mehr als Teil einer volkswirtschaftlichen Betrachtung erscheint, sondern als moralische Rechnung: So viel hat der Westen bezahlt, so viel hat der Osten bekommen. Seid also dankbar. Denn eine Bilanz hat immer zwei Seiten. Wenn man die Transfers betrachtet, müsste man auch fragen, wem nach 1990 das privatisierte Vermögen gehörte, wem es heute gehört und wohin die Erträge daraus fließen. Darüber hinaus wurde nach der Einheit nicht nur Eigentum neu verteilt. Neu bewertet wurden auch Berufsabschlüsse, soziale Stellung, Netzwerke und gesellschaftliche Deutungsmacht.

Die Ostdeutschen waren 1990 keine passiven Opfer, sondern trieben die schnelle Vereinigung voran. Trotzdem glaube ich, dass wir nach mehr als dreieinhalb Jahrzehnten genauer darüber reden sollten, was bei dieser Vereinigung außer Geld noch übertragen und neu bewertet wurde. Möglicherweise gehört diese Geschichte zum Hintergrund einer politischen Entwicklung, die jetzt im Osten sichtbar wird.


🔸Die zwei Billionen und die andere Seite der Bilanz


Ein großer Teil der West-Ost-Transfers bestand aus Sozialleistungen. Eine Rente an einen ehemaligen DDR-Arbeiter ist notwendig, aber sie macht ihn nicht zum Eigentümer eines Unternehmens. Arbeitslosengeld für jemanden, dessen Betrieb geschlossen wurde, baut kein Privatvermögen auf. Parallel dazu fand Anfang der neunziger Jahre eine umfassende Neuordnung des ostdeutschen Produktivvermögens statt.

Für die Treuhand-Privatisierungen wird häufig eine Größenordnung genannt, nach der etwa 85 Prozent des betreffenden Firmenvermögens an westdeutsche, knapp zehn Prozent an ausländische und nur ein kleiner Rest an ostdeutsche Käufer ging. Je nach Bezugsgröße und Privatisierungsform unterscheiden sich die Angaben, weshalb man mit den 85 Prozent nicht sorglos arguementieren sollte. Der Befund einer stark westdeutsch dominierten Eigentümerstruktur ist jedoch gut belegt. [2]

Ökonomisch ist das nicht überraschend. Nach vierzig Jahren DDR verfügte die Bevölkerung kaum über privates Großkapital. Nun traf sie auf Käufer aus einer Gesellschaft, in der Familienvermögen, Unternehmensbesitz, Immobilien, Banksicherheiten und geschäftliche Netzwerke über Jahrzehnte gewachsen waren. No level playing field in 1990.

Beim Immobilienbesitz zeigt sich das Problem bis heute. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung schreibt, dass Ostdeutsche wegen ihres geringeren Vermögens schlechtere Voraussetzungen hatten, Wohneigentum zu erwerben, und dass deshalb nach der Wiedervereinigung vor allem Westdeutsche in ostdeutsche Immobilien investierten. Das Ergebnis findet sich in der Vermögensstatistik wieder: 2021 verfügte ein ostdeutscher Haushalt im Durchschnitt über ein Nettovermögen von rund 150.900 Euro, ein westdeutscher über 359.800 Euro. Das ostdeutsche Durchschnittsvermögen lag damit bei rund 42 Prozent des westdeutschen. [3]


Man kann nicht 1,91 Billionen Euro Transfers nehmen, heutige Immobilienwerte abziehen und anschließend einen Saldo ausweisen, den irgendeiner dem anderen schuldet. Viele Betriebe benötigten hohe Investitionen, manche waren unter Marktbedingungen nicht überlebensfähig. Traditionelle Absatzmärkte brachen zusammen. DDR-Buchwerte lassen sich nicht einfach in D-Mark übersetzen. Auch westdeutsche Unternehmen profitierten ihrerseits von zusätzlicher Nachfrage aus den neuen Ländern. Die Bundeszentale für politische Bildung weist darauf hin, dass eine Kosten-Nutzen-Bilanz der Einheit deshalb komplexer ausfällt als die verbreitete Billionensumme.

Eine umfassende Eigentums- und Ertragsbilanz müsste deshalb beide Seiten gemeinsam erfassen: die öffentlichen Transfers ebenso wie die Verteilung von Unternehmen, Immobilien, Boden und anderem Sachvermögen nach 1990, deren Wertentwicklung sowie die seither geflossenen Erträge. Eine solche Gesamtrechnung kenne ich nicht.

Die Frage lässt sich einfacher formulieren:

Wem gehört der Osten – und wer entscheidet über ihn?

Mit dieser Frage stehe ich offenbar nicht allein. Der Soziologe Steffen Mau stellt im August 2026 in der F.A.Z. fest, die Bilanz der deutschen Einheit sei „bis heute ungeschrieben“. Auch er fordert, den öffentlichen West-Ost-Transfers die privaten Kapital- und Gewinnströme in umgekehrter Richtung gegenüberzustellen. Mau verweist außerdem auf einen weiteren Gegenposten: Knapp zwei Millionen Menschen seien seit 1989/90 per Saldo von Ost nach West gegangen. Die von diesen Zuwanderern heute im Westen erzeugte Wertschöpfung hält er – je nach angenommener Erwerbsquote und Produktivität – in einer Größenordnung von 80 bis 100 Milliarden Euro pro Jahr für plausibel. 


🔸Die Währungsreform des sozialen Status


Denn 1990 wurden nicht nur Betriebe und Häuser neu bewertet. Auch Menschen bekamen ein neues Preisschild.

Meine Mutter war seit den sechziger Jahren Unterstufenlehrerin. Als die DDR verschwand, hatte sie rund ein Vierteljahrhundert Berufserfahrung. Trotzdem entsprach ihre DDR-Ausbildung nicht dem westdeutschen Qualifikationsschema. Sie musste nochmal die Schulbank drücken.

Derartige Fälle sind dokumentiert. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) spricht bei den DDR-Unterstufenlehrern von einer „formalen Dequalifizierung“ nach der Einheit. Ihre Abschlüsse wurden nicht überall wie ein westdeutscher Grundschullehrerabschluss behandelt. Für tarifliche und laufbahnrechtliche Gleichstellung waren teilweise Anpassungsqualifikationen notwendig. [4]

Die betroffenen Menschen waren am 2. Oktober nicht kompetent und am 4. Oktober plötzlich inkompetent. Geändert hatte sich das Bewertungssystem. Fähigkeiten, Berufserfahrung und Abschlüsse bekamen innerhalb weniger Monate einen anderen gesellschaftlichen Kurswert.

Man könnte deshalb neben der Währungsunion von einer **Währungsreform des sozialen Status** sprechen. Bestimmte DDR-Abschlüsse, Karrierewege und Netzwerke verloren an Wert. Westdeutsche Hochschulabschlüsse, Verwaltungserfahrung, Bankkontakte und berufliche Verbindungen gewannen dagegen zusätzliches Gewicht, weil das nun geltende institutionelle System auf ihnen beruhte.

Das wird übersehen, wenn jetzt Statistiken einfach in Akademiker und Nichtakademiker geteilt werden. Ein Facharbeiter war in der DDR keineswegs automatisch „bildungsfern“. Eine Lehre dauerte häufig zwei Jahre. Mit achtzehn konnte ein Facharbeiter sein Geld verdienen und gesellschaftlich einen durchaus respektablen Status besitzen. Gebäudereiniger hatten vielleicht nur 8 Klassen in der Polytechnischen Oberschule absolviert und gehörten trotzdem zu den Spitzenverdienern. Die Einkommensunterschiede zwischen qualifizierten Arbeitern und manchen akademischen Berufen waren gering.

Aus meinem Betrieb: Ein guter Facharbeiter konnte mit Prämien, Überstunden und Verbesserungsvorschlägen um die 1.000 oder 1.100 Mark verdienen. Ein Ingenieur vielleicht 1.300 oder 1.400. Dafür hatte der Ingenieur 8  Jahre länger in der Ausbildung verbracht. Von Männern wurde erwartet, dass sie doppelt so lange wie üblich in der Armee dienen würden - also 3 Jahre. Wer Anfang der achtziger Jahre außerdem mit Kaltem Krieg, NATO-Doppelbeschluss und der verbreiteten Angst vor einem Atomkrieg aufwuchs, konnte mit siebzehn feststellen: Ich mache meine Lehre, verdiene Geld, hau as auf den Kopp und lebe gut, bevor die Bombe einschlägt.

In einer BRD-Statistik steht 2026 bei diesem Menschen nur: bildungsfern und abgehängt.

Auf diesen Unterschied bin ich erneut gestoßen, als ich mir auf dem YouTube-Kanal des Journalisten **Alexander Teske** dessen ausführliches Gespräch mit dem Soziologen Michael Hartmann angesehen habe. Teske, selbst Sachse und früher bei der ARD-Tagesschau tätig, spricht mit einem der bekanntesten deutschen Elitenforscher über soziale Herkunft, Medien, Politik und gesellschaftliche Spitzenpositionen. [5]

Hartmann weist in diesem Gespräch darauf hin, wie schwer sich DDR-Biografien mit westdeutschen Sozialkategorien vergleichen lassen. Zwei Eltern mit Hochschulabschluss, die nach 1990 ihre Stellung verloren und anschließend ärmlich lebten, erzeugen für ihre Kinder ein anderes soziales Umfeld als ein westdeutsches Akademikerpaar mit fester Anstellung, gewachsenem Vermögen und Netzwerk. O-Ton Hartmann: Akademiker und gebildet zu sein sind 2 verschiedene Dinge. Rio Reiser wird der Satz zugeschrieben: Bildungsabschlüsse sagen nichts über deine Intelligenz aus, sondern welcher Klasse du angehören willst.


🔸Das Dominanzmilieu


Mit Hartmann habe ich ein sprachliches Problem. Er spricht von „Elite“. In seiner Wissenschaft ist das wahrscheinlich legitim. Er definiert Elite als Personen, die aufgrund ihrer Spitzenposition gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich beeinflussen können. Hartmann kommt für Deutschland auf eine Kern von ungefähr 1.000 und ein Umfeld von etwa 4.000 Menschen.

Für meinen Geschmack klingt „Elite“ zu sehr nach Auszeichnung. Ich denke dabei an einen herausragenden Wissenschaftler, einen Olympiasieger, einen bedeutenden Künstler oder einen Grammy-Künstler. Ein Intendant, Ministerialdirektor, Konzernvorstand oder Verbandspräsident kann mächtig sein – und trotzdem eine Pfeife. 

Für diese herrschende Klasse benutze ich deshalb lieber das Wort **Dominanzmilieu**.

Damit meine ich keine geheime Runde, die morgens beschließt, welche Meinung das Land am Nachmittag zu haben hat. Es geht um soziale Milieus, die mittels Herkunft, Ausbildung, Habitus, Berufswege und Netzwerke herangezüchtet werden. Menschen aus ähnlichen Elternhäusern studieren ähnliche Fächer, machen Praktika in ähnlichen Institutionen, werden Referenten, wechseln in Ministerien, Medien, Verbände oder Unternehmen und treffen sich später auf den entsprechenden Führungsebenen wieder. Eine Verschwörung ist dafür gar nicht nötig. Gemeinsame gesellschaftliche Prägung erledigt einen Teil der Arbeit viel unauffälliger. 

Hartmann beschreibt für die Wirtschaft seit langem eine starke Rekrutierung aus Bürger- und Großbürgertum. Für die von ihm untersuchte private "Medienelite" fand er ebenfalls eine exklusive Zusammensetzung. Aufschlussreich erscheint mir seine Untersuchung politischer Spitzenpersonen: Bei bestimmten Fragen zur stärkeren Besteuerung unterschieden sich deren Antworten teilweise stärker nach sozialer Herkunft als nach Parteizugehörigkeit. Hartmann formuliert es zugespitzt: Soziale Herkunft habe in diesem Fall Parteiprogramme geschlagen.

Ostdeutsche sind in diesen Positionen unterrepräsentiert. Der Elitenmonitor untersuchte rund 3.000 Spitzenpositionen in zwölf gesellschaftlichen Sektoren. 2024 waren 12,1 Prozent davon mit Ostdeutschen besetzt, bei einem Bevölkerungsanteil von ungefähr 20 Prozent. In der Wirtschaft waren es 4,0 Prozent, in der Kultur 6,8 Prozent. [6]

Das ist kein Beweis dafür, dass Westdeutsche sich morgens verabreden, Ostdeutsche von Chefsesseln fernzuhalten. Es ist eher ein Beispiel dafür, wie soziale Reproduktion funktioniert. Wer 1990 Kapital, ein nutzbares berufliches Netzwerk, westdeutsche Abschlüsse und möglicherweise Familienvermögen besaß, konnte diese Ressourcen weitergeben. Wer sein Netzwerk in einem Kombinat hatte, das zwei Jahre später verschwand, stand mit leerem Adressbuch da.

Die Rechtsordnung war nach der Einheit für alle dieselbe. Die Startposition war es nicht.


🔸Freiheit ist mehr als Reisefreiheit


An dieser Stelle könnte ich in eine nostalgische DDR-Erzählung abrutschen. Ich war jung und hatte Spaß. Aber natürlich ist Spaß nicht alles.

Die DDR war ein restriktiver Staat. Dass ein Staat darüber entscheiden konnte, wohin ich reisen darf, war ein Zumutung. Wer nicht in ein geregeltes sozialistisches Erwerbsleben passte, konnte als "Assi" im Knast landen.

Und trotzdem konnte man dort als junger Mensch eine Form von Freiheit erleben, die in keinem Demokratieindex auftaucht.

Ich wohnte im Prenzlauer Berg im sogenannten LSD-Kiez – Lychener, Schliemann- und Dunckerstraße. Die Häuser verfielen. Was für die Stadtplanung ein Desaster war, war für uns ein spannender Spielplatz. Haustüren standen offen, man ging durch mehrere Hinterhöfe und kam plötzlich in einer anderen Straße heraus. Im Sommer lagen wir auf den Dächern und duschten in den Waschküchen. Da die Blöcke zusammenhingen, liefen wir über die Dächer zu unseren Freunden. Wohnungen standen leer oder wurden besetzt, irgendwo wurde immer Musik gemacht. Tag und Nacht.

Das offizielle Arbeitsleben ließ sich mit etwas Geschick arrangieren. Manche arbeiteten als Telegrammboten, Kleindarsteller oder in anderen Jobs mit überschaubarem Zeitaufwand. Ich selbst besorgte mir eine Stelle als Hauswirtschaftshelfer. Damit war man offiziell beschäftigt, zahlte Steuern und Sozialabgaben und hatte trotzdem Zeit für Musik. Das Geld reichte zum Leben, Bier und Zigaretten waren billig, die Mädels willig.

Das war keine staatlich garantierte Freiheit. Sie entstand durch Lücken im System, niedrigen Kosten und einer gewissen Verwahrlosung. Es galt, ie zu erkunden. Heute sind die Häuser saniert, die Höfe abgeschlossen, die Dächer gesichert und die Wohnungen teuer. Das ist komfortabler, sauberer und für viele Menschen zweifellos besser. Und stinklangweilig.

Für eine Familie mit kleinen Kindern ist eine zuverlässig funktionierende Heizung wahrscheinlich wertvoller als ein frei zugängliches Dach. Für einen Zwanzigjährigen kann das Verhältnis anders aussehen. Freiheit hängt auch von Alter, Lebensphase, Geldbedarf, Raum und sozialer Kontrolle ab.

Am stärksten habe ich diese besondere Freiheit in den Monaten zwischen Herbst 1989 und der Währungsunion am 1. Juli 1990 erlebt. Das altn Systems war weitgehend zusammengebrochen, während die Regeln des neuen noch nicht angekommen waren. Politische Beschränkungen verschwanden, Mieten und viele Lebenshaltungskosten entsprachen aber noch den DDR-Verhältnissen. Für eine kurze Zeit lag dazwischen ein gesellschaftliches Interregnum. Ich bin froh, es erlebt zu haben.


🔸Wir wollten es selbst – und wussten nicht genau, was wir kauften


Zu einer ehrlichen Betrachtung gehört: Die Ostdeutschen wollten die Einheit mehrheitlich.

Ich erinnere mich, wie sich Ende 1989 auf den Demonstrationen die Stimmung änderte. Aus „Wir sind das Volk“ wurde „Wir sind ein Volk“. Westdeutsche Parteien kamen mit ihren Politikern und ihrem Material in den Osten. Bei der Volkskammerwahl im März 1990 entschieden sich die Wähler mehrheitlich für D-Mark und Mallorca.

Es wäre zu bequem für die Ossis, sich heute als Opfer eines westdeutschen Übernahmeprozesses darzustellen. Die politische Richtungsentscheidung kam auch aus dem Osten. Ich formuliere es etwas unfreundlicher: Wir haben für den eigenen Untergang gestimmt (ich nicht).

Die meisten wussten nicht, wie das neue System funktionierte. Dass eine günstige Umstellung der Löhne in D-Mark für einen Arbeitnehmer zunächst wunderbar klang, verstand jeder. Dass dieselbe Umstellung einen Betrieb mit niedrigerer Produktivität schlagartig mit hohen D-Mark-Kosten in einen offenen Markt schicken würde, war weniger überzeugend. Dazu kamen technische Rückstände, der Verlust östlicher Absatzmärkte und die Tatsache, dass die DDR-Bürger nach der Grenzöffnung selbst viele westliche Waren kauften. Es gab also nicht die eine Ursache für den industriellen Zusammenbruch.


🔸Der Westen roch nach Intershop


Die Ostdeutschen trafen diese Entscheidung außerdem mit einem eigenartigen Bild des Westens.

Wir konnten in Ostberlin Westfernsehen sehen und Westradio hören. Westliche Zeitungen und Zeitschriften waren dagegen kaum erhältlich. Wir sahen deshalb einen Teil der westlichen Waren- und Konsumwelt, aber kaum  Selbstkritik dieser Gesellschaft in ihren eigenen Printmedien.

Und dann gab es den Intershop.

Ich erinnere mich bis heute an seinen Geruch. Kaffee, Zigaretten, Parfüm, Waschmittel, Verpackungen – eine süßliche Mischung, die für mich nach Westen roch. Als ich am 26. Mai 1989 zum ersten Mal nach West-Berlin kam, wartete offenbar ein Teil meines Gehirns darauf, dass die ganze Stadt so riechen würde.

Tat sie nicht.

Sie roch nach Autos und stellenweise nach etwas Schwefeligem, das mich eher an faule Eier erinnerte. Das waren die Katalysatoren in den Autos vor erreichen ihrer Betriebstemperatur. Der Westen roch also gar nicht nach Westen.

Der Intershop war eine Oase in der Wüste des Mangels. Und die DDR-Führung hatte selbst dazu beigetragen, dass diese Fata Morgana entstehen konnte. Sie ließ ihre Bürger die attraktive Oberfläche der anderen Gesellschaft im Fernsehen sehen, hielt aber genau jene westlichen Medien fern, in denen diese Gesellschaft ihre Probleme diskutierte.

Ein *Spiegel*-Artikel über Parteienfilz, eine Reportage über Arbeitslosigkeit oder ein kritischer Text über Vermögensverteilung hätte vermutlich mehr Eindruck gemacht als Karl-Eduard von Schnitzler. Denn die DDR-Propaganda hatte ein grundsätzliches Problem: Wenn eine Quelle oft genug erkennbar manipuliert und übertreibt, glaubt man ihr irgendwann selbst dann nicht mehr, wenn sie etwas Wahres sagt.

Die Propaganda entwertete am Ende nicht nur ihre Lügen, sondern auch ihre Wahrheiten.


🔸Und manches aus dem Osten war plötzlich doch brauchbar


Einige Jahre nach der Einheit gab es dann die umgekehrte Erfahrung. Produkte, die unmittelbar nach 1990 als rückständig galten, tauchten später als langlebige, traditionelle oder nachhaltige Qualitätswaren wieder auf. Die Faltboote aus Pouch sind dafür ein schönes Beispiel.

Das beweist selbstverständlich nicht, dass die DDR-Wirtschaft eigentlich hervorragend funktionierte. Vieles war technisch veraltet, ineffizient oder nur unter den Bedingungen des RGW lebensfähig. Aber aus „das System hat verloren“ wurde zeitweise zu schnell „alles aus diesem System war minderwertig“.

Bei Produkten ließ sich diese Neubewertung leicht beobachten. Was gestern noch alter Ostkram war, konnte morgen als reparierbar, handwerklich und nachhaltig vermarktet werden.

Der Westen vertickte die Produkte. Für die Menschen interessierte er sich selten. Das galt auch für die Westdeutschen, die lieber nach Südfrankreich als nach Sachsen fuhren.


🔸Was Transformation mit Biografien macht


Für einen ostdeutschen Menschen war der Verlust des Arbeitsplatzes nicht bloß eine Zahl in der Arbeitslosenstatistik. Wenn jemand zwanzig oder dreißig Jahre Schlosser, Dreher, Kranführer oder Werkzeugmacher gewesen war, hing daran ein Teil seiner Identität, seines Freundeskreises und seines gesellschaftlichen Status. Wenn der Betrieb verschwand, konnte gleichzeitig der Arbeitsplatz, das soziale Umfeld und der Wert der eigenen Berufserfahrung wegbrechen. Ferienplätze, Wochenendhäuser, Kindergärten - vieles hing an den Betrieben.

In meiner Beobachtung traf diese Entwertung viele Männer besonders hart. Die Kombination aus Arbeitsplatzverlust und dem Zerfall lokaler sozialer Strukturen dürfte für viele eine erhebliche Belastung gewesen sein.

Parallel dazu verließen nach 1990 überproportional viele junge Frauen die ostdeutschen Regionen. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung beschreibt für zahlreiche ostdeutsche Kreise einen daraus entstandenen Männerüberschuss; besonders ausgeprägt war die Abwanderung in ländlichen Gebieten.

Die Ost-West-Partnerschaften waren asymmetrisch. Eine SOEP-Auswertung von 974 Ost-West-Paaren für die Jahre 1990 bis 2009 kam gewichtet auf knapp 70 Prozent Kombinationen aus ostdeutscher Frau und westdeutschem Mann, gegenüber gut 30 Prozent mit der umgekehrten Geschlechterkonstellation. Ein großer Teil davon erklärt sich bereits durch die stärkere Westwanderung ostdeutscher Frauen; aus der Statistik allein lassen sich keine Motive für die Partnerwahl herauslesen. Anzunehmen ist aber, dass sich die Frauen pragmatischer verhielten als die Männer. [7]

In meinem Umfeld war es üblich, dass sich Akademiker und Proleten verpartnerten. Die hohe Erwerbstätigkeit von Frauen und die geringeren Einkommensabstände zwischen vielen Berufen machten ostdeutsche Frauen weniger abhängig als ihre westdeutschen Schwestern. Die Forschung findet bis heute deutliche Ost-West-Unterschiede in Erwerbs- und Geschlechterrollen.

Die Transformation bestand nicht nur aus volkswirtschaftlichen Kennzahlen. Sie griff in Selbstbilder, Familien und Partnerschaften ein. Solche Erfahrungen verschwinden nicht deshalb, weil das Bruttoinlandsprodukt zwanzig Jahre später wieder steigt.


🔸Die Distanzierte Generation kommt ins Rentenalter


Ich finde die amerikanischen Generationenetiketten für Ostdeutschland unbrauchbar. „Boomer“ oder „Generation X“ sagen wenig darüber, wie jemand sozialisiert wurde, der Anfang der sechziger Jahre in der DDR geboren wurde.

Der Leipziger Jugendforscher Bernd Lindner hat für die DDR andere Generationen beschrieben. Eine davon nennt er die **„Distanzierte Generation“**. Gemeint sind im Kern die in den sechziger und frühen siebziger Jahren Geborenen, deren innere Distanz zum offiziellen sozialistischen System zunahm und deren Lebensentwürfe sich stärker individualisierten. [8]

Diese Leute sind heute um die sechzig. Wer beim Mauerfall 25 war, ist 2026 etwa 62. Viele kamen nach DDR-Verhältnissen früh ins Arbeitsleben und nähern sich jetzt dem Ruhestand oder haben ihre Arbeitszeit bereits reduziert.

Eine größere Gruppe bekommt mehr freie Zeit und besitzt zugleich eine Erfahrung, die jüngere Generationen nicht haben: Sie hat schon einmal erlebt, wie schnell politische Gewissheiten verschwinden können.

Daraus folgt nicht zwangsläufig eine „Rentnerrevolution“. Wir wissen nicht einmal, ob diese Alterskohorte im Ernstfall politisch mobilisierbarer wäre als andere. 

Aber ihr Erfahrungshorizont ist ungewöhnlich. Wer 1989 erwachsen war, hat erlebt, dass Institutionen, die im Frühjahr noch dauerhaft wirkten, wenige Monate später ihre Autorität verloren hatten. Diese Erfahrung kann beeinflussen, wie selbstverständlich man die Stabilität heutiger Institutionen voraussetzt. Mehr lässt sich daraus seriös zunächst nicht ableiten.


🔸Was 1989 tatsächlich lehrt


Politische Dynamik muss nicht linear verlaufen.

Am 7. Mai 1989 fand in der DDR noch eine Kommunalwahl statt, deren Manipulation Oppositionelle dokumentierten. Am 4. September demonstrierten nach dem Friedensgebet in Leipzig etwa 1.200 Menschen. Am 9. November war die Mauer offen.

Der Ökonom und Politikwissenschaftler Timur Kuran hat diesen Überraschungseffekt später mit der Unterscheidung zwischen privaten und öffentlich geäußerten Präferenzen erklärt. Menschen können eine politische Ordnung ablehnen und ihre Ablehnung trotzdem verbergen, solange sie Nachteile befürchten. Wenn genügend andere ihre Haltung öffentlich machen, können individuelle Hemmschwellen nacheinander fallen. Was lange stabil aussah, verändert sich dann sehr schnell. [9]


🔸Wenn gesellschaftliche Sanktionen ihre Wirkung verlieren


In der Gegenwart sollte man die Transformation von 1990 nicht mit heutigen Wahlentscheidungen verwechseln. Niemand kann seriös ausrechnen, wie viele Prozentpunkte AfD auf Treuhand, Migration, Energiepolitik, Corona, Ukraine, wirtschaftliche Unsicherheit oder Unzufriedenheit mit der Bundesregierung zurückzuführen sind. Menschen wählen aus unterschiedlichen Gründen, und meistens wirken mehrere davon gleichzeitig.

Eine historische Erfahrung kann jedoch einen Resonanzboden bilden, auf dem aktuelle Konflikte stärker wirken.

Die gegenwärtigen Zahlen sind jedenfalls ungewöhnlich. Im ARD-DeutschlandTrend vom August 2026 liegt die AfD bundesweit bei 28 Prozent, CDU und CSU kommen auf 21 Prozent. Nur 13 Prozent bewerten die Arbeit der Bundesregierung positiv, 85 Prozent kritisch; mit Friedrich Merz sind 14 Prozent zufrieden. Mehr als die Hälfte der Befragten sieht inzwischen Bedarf für einen grundlegenden Wandel im Land – laut Infratest dimap so viele wie noch nie im DeutschlandTrend. In Ostdeutschland ist dieser Wunsch besonders ausgeprägt. Dort sagen zugleich 52 Prozent, sie erhielten im Vergleich mit anderen weniger als ihren gerechten Anteil.

In Sachsen-Anhalt erreicht die AfD wenige Wochen vor der Landtagswahl in einer Infratest-dimap-Umfrage 41 Prozent, die CDU 24 Prozent. Bei der vorangegangenen Landtagswahl 2021 hatte das Verhältnis noch 20,8 zu 37,1 Prozent betragen.

Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Trotzdem findet hier mehr statt als eine kleine zyklische Verschiebung zwischen zwei Volksparteien.

Mindestens ebenso aufschlussreich wie die Prozentzahlen ist der kulturelle Wandel. Vor einigen Jahren konnte es für einen Beschäftigten unangenehm sein, vor laufender Fernsehkamera offen zu erklären, er wähle AfD. Inzwischen sieht man Menschen, die genau das mit Gesicht und Namen tun. Die politische Präferenz mag vorher bereits existiert haben. Neu ist, dass die Scheu vor ihrer öffentlichen Äußerung abnimmt.

Ein beinahe komisches Symbol dafür lieferte gerade der *Spiegel*. Das Magazin setzte den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund auf den Titel und bezeichnete ihn als „gefährlichsten Mann Deutschlands“. Siegmund reagierte nicht wie jemand, dessen Ruf damit beschädigt worden wäre. Er nannte das Cover „sehr gute Werbung“ und veröffentlichte ein Video, in dem er Exemplare signiert.

Das erinnert mich an eine Erfahrung aus der späten DDR, allerdings ausschließlich auf der Ebene der Kommunikationswirkung. Wir sahen Karl-Eduard von Schnitzlers *Schwarzen Kanal* irgendwann teilweise zur Unterhaltung. Die beabsichtigte Abschreckung funktionierte nicht mehr, weil wir dem Absender nicht vertrauten.

Für das Dominanzmilieu ist das ein Signal. Seine Macht besteht schließlich nicht nur aus Ämtern und Eigentum, sondern auch aus gesellschaftlicher Definitionsmacht: Wer gilt als seriös? Wer als unanständig? Welche Position schadet einer Karriere? Welche Institution kann jemanden öffentlich abwerten und damit tatsächlich Wirkung erzielen?

Wenn die Antwort eines wachsenden Publikums irgendwann nur noch lautet „Ja, und?“, verändert sich etwas.


🔸Hillje und die verlorenen Emotionen


Ausgerechnet ein ausdrücklicher Gegner der AfD beschreibt einen Teil dieses Problems ziemlich präzise. Der Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje, 2014 Wahlkampfmanager der Europäischen Grünen Partei, veröffentlichte 2025 das Buch *Mehr Emotionen wagen. Wie wir Angst, Hoffnung und Wut nicht dem Populismus überlassen*. Seine These: Populistische Bewegungen mobilisieren nicht nur Angst und Wut, sondern bieten ihren Anhängern auch Hoffnung und Zugehörigkeit. Dagegen wirke eine ausschließlich sachlich-technokratische Kommunikation der politischen Mitte oft blutleer. [10]

Ich halte das für einen wichtigen Gedanken. Allerdings lassen sich politische Emotionen nicht wie eine neue Werbekampagne zurückholen. Wer über längere Zeit den Eindruck gewonnen hat, seine Erfahrungen würden nicht ernst genommen oder seine politische Haltung diene vor allem als Untersuchungsobjekt für Extremismusforscher, wird nicht allein durch eine emotionalere Rede wieder zum Anhänger der bisherigen Parteien.


🔸Und nun trifft die Transformation andere Milieus


Gleichzeitig verschlechtert sich das wirtschaftliche Umfeld. 

Das DIHK-Energiewende-Barometer 2026 berichtet, dass inzwischen jedes dritte große Industrieunternehmen Produktion ins Ausland verlagert. Hohe Energie- und Standortkosten beeinträchtigten Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit, so die befragten Unternehmen.

Hinzu kommt künstliche Intelligenz. In einer ifo-Umfrage erwarteten 27,1 Prozent der deutschen Unternehmen innerhalb von fünf Jahren Stellenabbau durch KI, 5,2 Prozent zusätzliche Beschäftigung; zwei Drittel rechneten zunächst mit keiner Veränderung. [11]

Entscheidend ist weniger die konkrete Zahl als die Richtung der technischen Veränderung. Automatisierung bedroht diesmal nicht nur klassische Industriearbeit. Sie greift in Programmierung, Übersetzung, Grafik, Marketing, Recherche, Beratung, Journalismus und juristische Arbeit ein – also in Tätigkeiten, die bislang zum sicheren Bereich des akademischen Bürgertums gerechnet wurden.

Niemand weiß heute, wie viele dieser Berufe wirklich verschwinden werden. Häufiger dürfte vorerst etwas anderes passieren: Ein Mitarbeiter erledigt mit KI Arbeit, für die vorher mehrere Menschen gebraucht wurden. Schon das kann Beschäftigung, Einkommen und Status verändern.

Für Teile des westdeutschen akademischen Mittelstands könnte damit eine Erfahrung näher rücken, die Ostdeutsche Anfang der neunziger Jahre massenhaft machten: Die Fähigkeiten bleiben, sie sind nur nix mehr wert.

Derjenige, der dem ostdeutschen Facharbeiter dreißig Jahre lang erklärt hat, Strukturwandel sei nun einmal unvermeidlich, könnte selbst noch eine Lektion darin bekommen.


🔸Alte Erfahrungen, neue Konflikte


Hier liegt für mich die eigentliche Verbindung zwischen 1990 und 2026.

Ich glaube nicht, dass heutige ostdeutsche Wahlergebnisse einfach eine verspätete Treuhand-Abstimmung sind. Migration, Energiepreise, außenpolitische Konflikte, Corona-Erfahrungen, wirtschaftliche Sorgen, Kriminalität, Medienvertrauen und die konkrete Arbeit heutiger Regierungen wirken unmittelbar und dürften für viele Wähler wichtiger sein als Erinnerungen an 1990.

Aber politische Reaktionen entstehen nicht auf einer weißen Leinwand.

Darunter liegt eine ältere Erfahrungsschicht: geringeres Eigentum, weniger Erbvermögen, weniger Unternehmenszentralen, Unterrepräsentation in Führungspositionen, abgewertete Berufsbiografien, Abwanderung und der Eindruck, dass andere besser zu wissen glaubten, wie die eigene Geschichte zu interpretieren sei.

Diese Erfahrungen werden weitergegeben. Ein 35-Jähriger muss die Treuhand nicht selbst erlebt haben, um zu wissen, warum sein Vater arbeitslos wurde oder seine Mutter noch einmal einen Abschluss machen musste. Familien besitzen ein kollektives Gedächtnis.


🔸Wer hat eigentlich wen gerettet?


Bleibt die Ausgangsfrage: Ja, Westdeutschland hat für die deutsche Einheit sehr viel Geld aufgebracht. Ohne diese Transfers wären die Modernisierung der Infrastruktur, die Sanierung der Städte und die sozialen Sicherungen während des Zusammenbruchs großer Teile der DDR-Wirtschaft nicht möglich gewesen. 

Ebenso unvollständig ist jedoch die Ansicht, nach der zwei Billionen Euro aus dem Westen einen mittellosen Osten gerettet hätten und damit die historische Rechnung abgeschlossen sei.

Parallel zu den Transfers entstand eine Eigentumsstruktur, in der Ostdeutsche aufgrund ihrer Ausgangslage nur begrenzt Kapital erwerben konnten. Die Vermögenslücke besteht bis heute. Auch in vielen gesellschaftlichen Führungspositionen sind Ostdeutsche mehr als 35 Jahre nach der Einheit deutlich unterrepräsentiert. Dazu kam eine Neuordnung des sozialen Kapitals: Manche Abschlüsse, Erfahrungen und Netzwerke verloren Wert, während diejenigen des übernommenen westdeutschen Systems automatisch zum Standard wurden.

Die Einheit war deshalb zugleich: Befreiung, demokratische Selbstentscheidung, wirtschaftliche Modernisierung, Eigentumsverschiebung und Statusneubewertung.

Wer nur eine dieser Seiten erzählt, erzählt die Geschichte falsch.


🔸Erst Tragödie, dann Farce


Die DDR hatte schwere wirtschaftliche Probleme. Sie war politisch unfrei. Sie musste ihre Bürger mit einer Mauer am Weggehen hindern, weil sie ihnen kein überzeugendes Gegenangebot machen konnte. Ihre Führung verlor den Kontakt zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, ihre Propaganda ihre Glaubwürdigkeit.

Und wir Ostdeutschen sagten 1990 mehrheitlich selbst: Wir wollen dieses System nicht mehr.

Wir wollten reisen und konnten anschließend reisen. Wir wollten freie Wahlen und bekamen freie Wahlen. Wir wollten die D-Mark und bekamen die D-Mark. Wir wollten den Lebensstandard, den wir im Westfernsehen gesehen hatten.

Nur kauft man ein Gesellschaftssystem nicht wie einen Fernseher. Man bekommt nicht nur das gewünschte Produkt, sondern die Eigentumsordnung, die Institutionen, die sozialen Hierarchien und die bereits vorhandenen Machtmilieus gleich mit.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik der Einheit: Die Ostdeutschen verwarfen 1990 eine Ordnung, die sie aus guten Gründen nicht mehr wollten, und bemerkten erst später, dass darunter auch Dinge waren, die sie gern behalten hätten. Die Westdeutschen wiederum hatten als Sieger wenig Anlass, das eigene Modell gleichzeitig grundlegend infrage zu stellen.

Heute könnte diese unabgeschlossene Geschichte erneut politisch wirksam werden. Nicht als Wiederholung von 1989 und nicht zwangsläufig als Revolution. Vielleicht zunächst als Verlust traditioneller Parteibindungen, gesellschaftlicher Autoritäten und kultureller Definitionsmacht.

Was daraus wird, weiß niemand.

Aber eine Erfahrung aus 1989 habe ich behalten: Politische Verhältnisse können lange aussehen, als seien sie für die Ewigkeit gemacht.

Bis sie es plötzlich nicht mehr sind.

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  Quellen und weiterführende Links


Die folgende Auswahl ist kein vollständiger wissenschaftlicher Apparat. Sie enthält die wichtigsten Grundlagen für Zahlen und Argumente des Textes sowie einige weiterführende Arbeiten.


 🔸Deutsche Einheit, Transfers, Eigentum und Vermögen


**[1] Bundeszentrale für politische Bildung:**  

[Die Kosten und Erträge der Wiedervereinigung Deutschlands](https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47534/die-kosten-und-ertraege-der-wiedervereinigung-deutschlands/)  

Zur Größenordnung der Nettotransfers, den Sonderkosten und den wirtschaftlichen Rückwirkungen der Einheit.


**[2] MDR Geschichte:**  

[Wie die Treuhand den Osten verkaufte](https://www.mdr.de/geschichte/ddr/deutsche-einheit/treuhand/betriebe-verkauf-volkseigentum-100.html)  

Über die Privatisierung des DDR-Volkseigentums und die Eigentümerstruktur nach der Treuhand.


**Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland:**  

[Wohneigentum in Ost und West](https://www.ostbeauftragte.de/ostb/Content/DE/Artikel/Aktuelles/News/2024/Deutschlandatlas-Karten/wohneigentum.html)  

Zu den unterschiedlichen Ausgangsbedingungen beim Immobilienerwerb nach der Wiedervereinigung.


**[3] Statistisches Bundesamt:**  

[Ungleichheit und Armutsrisiko kaum verändert – trotz gestiegener Einkommen und Vermögen](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/11/PD24_416_p001.html)  

Unter anderem zum durchschnittlichen Nettovermögen ost- und westdeutscher Haushalte.


 🔸DDR-Abschlüsse, Status und soziale Herkunft


**[4] GEW:**  

[Eine Reihe von Demütigungen](https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/eine-reihe-von-demuetigungen)  

Zur Behandlung ostdeutscher Lehrkräfte und zur formalen Dequalifizierung von Unterstufenlehrkräften nach 1990.


**Kultusministerkonferenz:**  

[Bildungsabschlüsse der DDR – Feststellung der Gleichwertigkeit](https://www.kmk.org/wissenschaftsministerkonferenz/vertiefende-wissenschaftsinhalte/studium-und-pruefungen/bildungsabschluesse-der-ddr-feststellung-der-gleichwertigkeit.html)  

Zu den Regeln der Anerkennung und Gleichwertigkeit von DDR-Abschlüssen.


**[5] Alexander Teske / YouTube:**  

[Eine exklusive Elite entscheidet alles im Land! – Gespräch mit Michael Hartmann](https://www.youtube.com/watch?v=XIZ5LzimmEU)  

Ausgangspunkt für die Passagen über soziale Herkunft, Elitenrekrutierung und die Schwierigkeiten westdeutscher Kategorien bei DDR-Biografien.


**[6] Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland / Elitenmonitor:**  

[Leichter Anstieg bei Repräsentation Ostdeutscher in Führungspositionen](https://www.ostbeauftragte.de/ostb/Content/DE/Artikel/Aktuelles/News/2025/2025-05-16-ergebnisse-elitenmonitor-2024.html)  

Zu rund 3.000 untersuchten Spitzenpositionen und dem weiterhin niedrigen Ostdeutschenanteil.


 🔸Abwanderung, Geschlechterverhältnis und Partnerschaften


**Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung:**  

[Geschlechterproportion im Alter 15 bis 49 Jahre](https://www.bib.bund.de/DE/Fakten/Fakt/B94-Geschlechterproportion-Alter-15-49-Kreise.html)  

Zu regionalen Männerüberschüssen und der überproportionalen Abwanderung junger Frauen aus Ostdeutschland.


**Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung:**  

*Wenige junge Frauen im ländlichen Raum – Ursachen und Folgen der selektiven Abwanderung in Ostdeutschland.*  

Weiterführende Untersuchung zur geschlechtsspezifischen Abwanderung.


**[7] Daniel Lois:**  

*Ost-West-Paare: Verbreitung, Eigenschaften und Stabilität.*  

SOEP-Auswertung von Ost-West-Partnerschaften zwischen 1990 und 2009, insbesondere zur Asymmetrie zwischen „Ostfrau-Westmann“ und „Ostmann-Westfrau“.


**DIW Berlin:**  

Studien zu fortbestehenden Ost-West-Unterschieden bei Erwerbsmodellen und Geschlechterrollen.


 🔸DDR-Generationen und politische Kaskaden


**[8] Bernd Lindner / Bundeszentrale für politische Bildung:**  

[Zwischen Integration und Distanzierung](https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/27307/zwischen-integration-und-distanzierung/)  

Zur „Distanzierten Generation“ und zur generationellen Sozialisation in der DDR.


**Bundeszentrale für politische Bildung:**  

[Zusammenbruch des SED-Regimes](https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/der-weg-zur-einheit-352/514492/zusammenbruch-des-sed-regimes/)  

Zur Chronologie von Wahlprotesten, Fluchtbewegung, Montagsdemonstrationen und Zusammenbruch der SED-Herrschaft 1989.


**[9] Timur Kuran:**  

[Now Out of Never: The Element of Surprise in the East European Revolution of 1989](https://www.cambridge.org/core/journals/world-politics/article/now-out-of-never-the-element-of-surprise-in-the-east-european-revolution-of-1989/B947420222BF565D0B2D93099E704BF2)  

Klassische Untersuchung über private und öffentlich geäußerte Präferenzen sowie unerwartete politische Kaskaden.


 🔸Emotionen und aktuelle politische Lage


**[10] Johannes Hillje:**  

[Mehr Emotionen wagen](https://johanneshillje.de/blog/buecher/)  

Zu Hoffnung, Angst und Wut als Faktoren politischer Kommunikation.


**Infratest dimap:**  

[ARD-DeutschlandTrend August 2026](https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/ard-deutschlandtrend/2026/august/)  

Sonntagsfrage, Regierungszufriedenheit, Wunsch nach grundlegendem Wandel und wahrgenommene Benachteiligung.


**MDR:**  

[Umfrage vor der Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026](https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/landtagswahl/news-ergebnisse-landtagswahl-afd-cdu-wahlumfrage-schulze-siegmund-%2Cwahl-umfrage-100.html)  

Sachsen-Anhalt-Trend mit 41 Prozent AfD und 24 Prozent CDU.


**Deutschlandfunk:**  

[„Spiegel“ verteidigt Cover mit Ulrich Siegmund](https://www.deutschlandfunk.de/spiegel-verteidigt-cover-mit-ulrich-siegmund-afd-als-gefaehrlichsten-mann-deutschlands-100.html)  

Zum *Spiegel*-Titel und Siegmunds Verwendung des Covers als Wahlkampfmaterial.


 🔸Wirtschaft und künstliche Intelligenz


**DIHK:**  

[Energiekosten: Jedes dritte große Industrieunternehmen verlagert bereits Produktion ins Ausland](https://www.dihk.de/de/newsroom/energiekosten-jedes-dritte-grosse-industrieunternehmen-verlagert-bereits-produktion-ins-ausland-184510)  

Ergebnisse des Energiewende-Barometers 2026.


**[11] ifo Institut:**  

[Ein Viertel der Unternehmen rechnet mit Stellenabbau durch künstliche Intelligenz](https://www.ifo.de/fakten/2025-06-05/ein-viertel-der-unternehmen-rechnet-mit-stellenabbau-durch-kuenstliche)  

Umfrage zu den erwarteten Beschäftigungseffekten von KI.


UPDATE 22.08.2026

Steffen Mau:
Wir können uns eine „Lega West“ genauso wenig leisten wie eine Ostdeutschtümelei.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21. August 2026.
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Donnerstag, 20. August 2026

Social Media Ban für Teens? Besser nicht.

 

Von Mark Modsen

[mit den Hell's AI.ngels]



Ein Social-Media-Verbot für Jugendliche klingt zunächst vernünftig. Kinder sollen geschützt werden. Viele Eltern machen sich Sorgen. Politiker können zeigen, dass sie handeln. Genau deshalb sollte man genau hinsehen. Ein Verbot hat einen Vorteil: Die Botschaft ist einfach. Jeder versteht sie sofort. Der Staat schützt Kinder vor mächtigen Tech-Konzernen.

Die betroffenen Jugendlichen können bei Bundestagswahlen nicht einmal wählen. Ihre Eltern und Großeltern können es. Das schafft einen besonderen Anreiz. Dazu kommt ein weiterer Vorteil. Ein großer Teil der Kosten landet bei anderen. Die Plattformen müssen Alterskontrollen bauen. Schulen und Eltern müssen Regeln durchsetzen. Unternehmen tragen die technischen Kosten. Der Staat kann Handlungsfähigkeit zeigen, ohne viel Geld auszugeben.

Das macht solche Verbote für das Dominanz-Milieu attraktiv. Ob sie wirken, ist eine andere Frage.

Nichtstun ist gefährlich für Politiker

Nehmen wir einen Politiker, der sich gründlich mit dem Thema beschäftigt. Er prüft die Studien und sieht technische Probleme. Er erkennt auch gesellschaftliche Schäden eines Verbots. Vielleicht kommt er zu dem Schluss: Das bringt nix.

Was soll er nun sagen? „Wir tun nichts, weil ein Verbot sinnlos wäre.“ Das kann sachlich richtig sein. Politisch kann es trotzdem gefährlich werden. Die Opposition kann ihm Untätigkeit vorwerfen. Medien können fragen, warum er Kinder nicht schützt. Besorgte Eltern können darin mangelnden Einsatz sehen.

Kommt ein schlimmer Einzelfall hinzu, wächst der Druck weiter. Dann heißt es schnell: Warum wurde nicht vorgebeugt? Damit entsteht ein merkwürdiger Anreiz. Eine schlechte Maßnahme kann politisch sicherer sein als keine Maßnahme. Wer handelt, zeigt Arbeitswillen und Tatkraft.

Die Wähler belohnen die unmittelbare Aktion. Sie belohnen selten die beste Wirkung, die erst Monate oder Jahre nach der Amtszeit von Politikern eintritt.

Die Medien erhöhen diesen Druck

Auch reichweitenstarke Medien spielen dabei eine Rolle. Zeitungen, Fernsehen und Nachrichtenseiten brauchen Aufmerksamkeit. Gefahr-Rufe erzeugen Aufmerksamkeit. Streit erzeugt Aufmerksamkeit. Angst ebenfalls. Das bedeutet nicht, dass Journalisten absichtlich Fake News erfinden. Aber manche Geschichten verkaufen sich besser als andere.

„Die Datenlage ist unklar“ ist keine starke Schlagzeile. „Experten: TikTok macht unsere Kinder krank!“ ist eine. So kann eine Kette entstehen. Eine Institution veröffentlicht eine Studie. Eine Pressemitteilung hebt die größten Zahlen hervor. Ein großes Medium berichtet darüber. Andere Medien greifen die Meldung auf. Nachrichtenagenturen verbreiten sie weiter.

Bald erscheint dieselbe Aussage überall. Danach wirkt sie wie eine gesicherte Tatsache. Dann kommt die nächste Frage an die Politiker: Was tut ihr dagegen? Damit verstärken sich mehrere Interessen gegenseitig. Dafür braucht es keine Verschwörung. Die Krankenkasse will auf ein Gesundheitsproblem aufmerksam machen. Medien wollen eine starke Geschichte. Politiker wollen Handlungsfähigkeit demonstrieren.

Wie stark Verpackung und Inhalt auseinanderfallen können, zeigt eine einigermaßen ausgewogene Berichterstattung im SPIEGEL. Er rechnet die Nutzung eines Mädchens bis zum 18. Geburtstag zusammen. Heraus kommen 6230 Stunden oder fast neun Monate. Später erklärt derselbe Artikel, dass die reine Nutzungsdauer wenig aussagt. Wichtiger seien Art, Zweck und Umstände der Nutzung. Solche Einschränkungen schaffen es selten in die Schlagzeile.

Am Ende entsteht Handlungsdruck. Die wichtigste Frage kommt dabei leicht zu kurz:

Wie groß ist das Problem wirklich?

Genau hier wird die DAK-Studie interessant

Eine vielzitierte Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) nennt hohe Zahlen. Gefördert wurde sie von der DAK-Gesundheit, früher Deutsche Angestellten-Krankenkasse. Für 2023 gelten 24,5 Prozent als „riskante“ Social-Media-Nutzer. Weitere 6,1 Prozent gelten als „pathologisch“. Das klingt zunächst dramatisch. Doch „riskant“ bedeutet nicht „süchtig“ – ein entscheidender Unterschied.

Die Forscher fragen Jugendliche nach ihrem Verhalten. Es geht etwa um Kontrollverlust, Streit und vernachlässigte Pflichten. Solche Fragen sind sinnvoll. Manche Antworten können aber auch normales Jugendverhalten beschreiben. Ein Jugendlicher bleibt länger online als geplant. Die Eltern bestehen auf Nachtruhe. Der Jugendliche macht trotzdem weiter. Das kann ein Warnzeichen sein. Es kann aber auch ein gewöhnlicher Streit über Regeln sein.

Bei schwereren Folgen werden die Zahlen deutlich kleiner. Rund elf Prozent berichten Nachteile in Schule oder Ausbildung. Etwa fünf Prozent gefährden wichtige Beziehungen durch ihre Nutzung. Diese Fälle sollte man ernst nehmen. Sie sind aber etwas anderes als die Aussage, jeder Vierte sei mediensüchtig.

Das Modell stammt aus einem anderen Bereich

Hier kommt ein weiterer wichtiger Punkt hinzu. Computerspielsucht ist als Krankheit anerkannt. Dafür gibt es festgelegte Merkmale. Bei Social-Media-Sucht ist die Lage weniger eindeutig. Die Forscher haben deshalb ein ähnliches Messverfahren entwickelt. Es lehnt sich an die Regeln für Computerspielsucht an.

Das kann für Forschung sinnvoll sein. Es bleibt trotzdem eine Übertragung. Social Media ist nicht dasselbe wie ein Computerspiel. Ein Spiel kann ein klares Ziel haben. Man will den nächsten Level schaffen. Und dann noch einen.

Social Media kann dagegen völlig verschiedene Dinge enthalten. Ein Jugendlicher kann Videos schauen oder mit Freunden reden. Er kann Hausaufgaben besprechen oder Musik austauschen. Er kann eine Selbsthilfegruppe finden oder politische Texte lesen. Alles in derselben App. Die reine Nutzungsdauer sagt deshalb wenig.

Vielnutzung ist noch keine Krankheit

Menschen übertreiben Dinge. Das geschieht nicht erst seit dem Smartphone. Manche trainieren jeden Tag im Fitnessstudio. Andere arbeiten viel zu lange. Manche fahren stundenlang ohne vernünftigen Grund Auto. Früher verbrachten Jugendliche Nächte am Telefon oder CB-Funk. Später kamen Mailboxen und Internetforen hinzu.

Neue Technik schafft neue Möglichkeiten für alte menschliche Bedürfnisse. Menschen wollen reden, dazugehören und Anerkennung bekommen. Jugendliche wollen sich außerdem von ihren Eltern lösen. Das alles kann übertrieben werden. Doch Übertreibung ist noch keine Sucht.

Wichtig werden andere Fragen. Kann jemand sein Verhalten noch steuern? Entstehen schwere Schäden? Macht die Person trotzdem weiter? Verliert sie Freunde oder bricht die Schule ein? Leidet die Gesundheit dauerhaft? Macht sie Schulden? Dann entsteht ein echtes Problem. Die Zahl der Stunden allein reicht dafür nicht.

Ursache und Wirkung nicht verwechseln

Die DAK-Studie findet noch etwas. Problematische Nutzer berichten häufiger über Ängste, Stress und Depressionen. Das beweist aber nicht, dass Social Media diese Probleme verursacht.

Vielleicht läuft es andersherum? Etwa so: Ein einsamer Jugendlicher nutzt soziale Medien besonders häufig. Ein depressiver Jugendlicher bleibt länger online. Schwierige Familien können beide Probleme anfachen. Auch andere Ursachen sind denkbar.

Die Studie selbst nennt diese Grenze ausdrücklich. Ursache und Wirkung lassen sich mit dieser Auswertung nicht feststellen. Trotzdem wird daraus öffentlich schnell eine einfache Geschichte: Social Media macht Kinder psychisch krank.

Die Daten geben das nicht her.

Was bei solchen Studien leicht fehlt

Autoren einer Studie über Sucht suchen nach Schäden. Dadurch entsteht aber ein bestimmter Blick auf das Thema. Er sieht zwangsläufig mehr Probleme als Nutzen. Doch der kann erheblich sein.

Für manche Jugendliche ist es reine Unterhaltung. Für andere ist es soziale Infrastruktur. Das gilt besonders außerhalb großer Städte. Wer in Berlin lebt, findet viele Menschen in der Nähe. Bus und Bahn fahren fast überall. In anderen Gegenden sieht das völlig anders aus. Freunde können viele Kilometer entfernt wohnen. Jugendliche besitzen kein Auto und Busse fahren auf dem flachen Land selten.

Dann ersetzt digitale Kommunikation nicht das echte Leben. Sie ermöglicht es.

Das Internet kann aus der Isolation führen

Das gilt auch für spezielle Interessen und seltene Lebenslagen. Manch Jugendlicher findet niemanden in der Nachbarschaft, der sein Problem versteht. Online kann er Menschen mit ähnlichen Erfahrungen treffen. Daraus können echte Freundschaften entstehen. Manchmal führen Online-Kontakte sogar hinaus ins wirkliche Leben. Menschen lernen sich digital kennen und treffen sich später persönlich.

Das Gegenteil passiert also ebenfalls. Social Media kann Isolation fördern. Es kann aber auch helfen, sie zu überwinden. Ein pauschales Verbot unterscheidet diese Fälle nicht. Es trifft beide.

Gerade Jugendliche suchen sich außerdem neue Bezugspersonen. Früher waren es ältere Jugendliche an Tischtennis-Platten, in Clubs oder Vereinen. Später kamen Foren und Chats hinzu. Heute können es soziale Netzwerke oder auch KI-Systeme sein. Die Form verändert sich. Das Bedürfnis nach Rat und Zugehörigkeit bleibt.

Die Sache mit der „Blase“

Oft heißt es, soziale Medien sperrten Menschen in Meinungsblasen. Solche Wirkungen gibt es. Algorithmen zeigen gern Inhalte, die Nutzer interessieren. Dadurch können bestimmte Ansichten verstärkt werden. Doch soziale Medien bewirken auch etwas anderes.

Menschen treffen dort ständig auf fremde Meinungen. Im normalen Alltag wäre das oft viel schwieriger. Das Problem ist deshalb häufig nicht fehlender Kontakt. Das Problem ist die Art dieses Kontakts. Streit bringt Aufmerksamkeit. Empörung bringt Klicks. Beleidigungen verbreiten sich schnell.

Das kann politische Lager weiter auseinander treiben. Die Antwort darauf muss aber nicht Ausschluss heißen. Man kann Jugendlichen auch beibringen, damit umzugehen. Man kann Quellen prüfen und Streitregeln vermitteln. Man kann erklären, wie Empfehlungssysteme arbeiten. Das ist anstrengender als ein Verbot. Es dürfte aber länger wirken.

Die Plattformen tragen trotzdem Verantwortung

All das macht die Plattformen nicht unschuldig. Sie verdienen Geld mit Aufmerksamkeit. Deshalb wollen sie Menschen möglichst lange halten. Endloses Scrollen dient diesem Ziel. Ständige Hinweise tun es ebenfalls. Empfehlungssysteme können denselben Zweck erfüllen.

Auch externe Links sind für Plattformen oft unerwünscht. Wer eine Plattform verlässt, verbringt dort weniger Zeit. Deshalb gibt es einen guten Grund, Firmen auf die Finger zu schauen. Die Frage lautet nur: Was genau soll geregelt werden?

Ein manipulativer Endlos-Feed ist etwas anderes als ein Gespräch mit Freunden. Werbung an Kinder ist etwas anderes als eine Selbsthilfegruppe. Pornografie ist etwas anderes als ein Gruppenchat. Ein gutes Gesetz unterscheidet diese Dinge. Ein pauschales Verbot tut es nicht.

Alterskontrollen schaffen neue Probleme

Ein Verbot muss außerdem durchgesetzt werden. Das klingt einfacher, als es ist. Jugendliche können falsche Angaben machen oder fremde Konten nutzen. Technische Sperren lassen sich umgehen. Je strenger die Kontrolle wird, desto mehr Daten braucht man meist.

Dann entsteht ein neues Problem. Wie beweist ein Nutzer sein Alter? Muss er einen Ausweis zeigen? Muss sein Gesicht geprüft werden? Wer bekommt diese Daten und wer speichert sie?

Es gibt Verfahren, die nur das Alter bestätigen. Sie müssen keinen Namen weitergeben. Trotzdem bleibt ein Grundkonflikt. Mehr Alterskontrolle kann weniger Anonymität bedeuten. Jugendschutz und Datenschutz ziehen nicht immer in dieselbe Richtung.

Auch die DAK hat eigene Interessen

Die DAK hat als Krankenkasse Aufgaben bei Vorsorge und Gesundheitsaufklärung. Das macht ihre Forschung nicht wertlos. Aber es schafft eine eigene Sichtweise. Wer Gesundheitsprobleme untersucht, findet Gründe für Vorsorge. Wer Vorsorge anbietet, gewinnt dadurch auch Bedeutung.

Die DAK kann auf ein Problem hinweisen. Danach kann sie Hilfen und Untersuchungen anbieten. Genau solche Angebote gibt es im Bereich problematischer Mediennutzung inzwischen tatsächlich. Nicht automatisch verdächtig, aber ein Zusammenhang, den man kennen sollte.

Dasselbe gilt für Medien und Politik. Jeder Beteiligte hat eigene Interessen. Die DAK will Gesundheitsrisiken erkennen und ihre Relevanz erhöhen. Medien brauchen Aufmerksamkeit. Politiker wollen Vertrauen und Stimmen. Diese Gruppen bilden ein Dominanz-Milieu: Sie beherrschen die veröffentlichte Meinung.

Daraus entsteht eine starke Geschichte

Am Ende steht eine Geschichte, die fast perfekt klingt. Kinder sind bedroht. Große Konzerne tragen die Schuld. Der Staat muss handeln. Wer widerspricht, gerät schnell unter Verdacht. Ist er gar mit amerikanischen Tech-Bros im Bunde?

Genau deshalb sollte man bei solchen Debatten vorsichtig sein. Nicht jede Warnung ist falsch. Nicht jede Regel ist schlecht. Aber auch nicht jede gut klingende Maßnahme hilft. Besonders beim Schutz von Kindern wirken Zweifel schnell unmoralisch. Das erschwert eine nüchterne Debatte.

Man sollte deshalb nicht nur fragen, wer gute Absichten hat. Man sollte nach den Folgen fragen. Und man sollte prüfen, welche Interessen jeden Beteiligten antreiben.

Vielleicht stellen wir die falsche Frage

Die Debatte lautet oft: Wie viel Social Media dürfen Jugendliche haben? Die bessere Frage wäre: Wann schadet digitale Nutzung einem bestimmten Jugendlichen? Danach kann man genauer hinschauen. Was schadet ihm? Warum passiert es? Welche Hilfe funktioniert?

Bei einem Jugendlichen liegt das Problem vielleicht beim Schlaf. Bei einem anderen ist es Mobbing. Ein Dritter verliert die Kontrolle über Spiele. Ein vierter findet online erstmals echte Freunde. Diese vier Menschen brauchen nicht dieselbe Antwort.

Ein pauschales Verbot behandelt sie trotzdem gleich.

Schutz sollte präziser sein

Social Media ist weder harmlos noch grundsätzlich schädlich. Es ist ein Werkzeug und zugleich ein sozialer Raum. Dort finden Freundschaft und Mobbing statt. Es gibt Bildung und Unsinn. Es gibt Manipulation und Hilfe. Es gibt Zeitverschwendung und echte Gemeinschaft.

Politik sollte deshalb konkrete Schäden bekämpfen. Sie kann manipulative Gestaltung begrenzen und Werbung an Kinder stärker regeln. Sie kann Hilfen für wirklich problematische Nutzer fördern. Schulen können Medienwissen vermitteln. Eltern können Unterstützung bekommen, ohne das Netz zum Feind zu erklären.

Das ist schwieriger als ein Verbot. Aber Schwierigkeiten verschwinden nicht durch einfache Gesetze. Ein Social-Media-Verbot kann Politiker wirkmächtig aussehen lassen. Es kann Eltern beruhigen und damit Wähler gewinnen. Hilft es deshalb auch den Teens?

Am Ende sollte deshalb nicht nur gefragt werden, ob die Politik etwas getan hat. Entscheidend ist eine andere Frage:

❓Hat sie damit etwas nachhaltig verbessert



Quellen und weiterführende Hinweise

Die Quellen sind hier gebündelt, damit der Fließtext ohne Belegzeichen lesbar bleibt. Die politischen Wertungen und Schlussfolgerungen im Artikel sind eine Einordnung; sie sind nicht Aussagen der genannten Studien.

DAK-Studie und Datengrundlage

DAK-Gesundheit / Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ), UKE: „Problematische Mediennutzung im Kindes- und Jugendalter in der post-pandemischen Phase“. Ergebnisbericht 2023, sechste Befragungswelle 2023. https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/dak-studie-mediensucht-2023-24_56536

forsa: DAK-Mediensuchtstudie 2023/24, Tabellenband zur Nutzung digitaler Medien im Kindes- und Jugendalter. Auftraggeber: DAK-Gesundheit. Der Tabellenband ist über die DAK-Studienseite abrufbar. https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/dak-studie-mediensucht-2023-24_56536

DAK-Gesundheit: „DAK-Suchtstudie: Nach der Pandemie nutzt jedes vierte Kind soziale Medien riskant“, Pressemitteilung vom 27. Februar 2024. https://www.dak.de/presse/bundesthemen/kinder-jugendgesundheit/dak-suchtstudie-nach-der-pandemie-nutzt-jedes-vierte-kind-soziale-medien-riskant_58680

Diagnose, Messung und die Frage der Überpathologisierung

Paschke, Kerstin; Austermann, Maria Isabella; Thomasius, Rainer (2021): „ICD-11-Based Assessment of Social Media Use Disorder in Adolescents: Development and Validation of the Social Media Use Disorder Scale for Adolescents“. Frontiers in Psychiatry 12:661483. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2021.661483

World Health Organization (WHO): „Addictive behaviours: Gaming disorder“. Definition der Gaming Disorder nach ICD-11. https://www.who.int/news-room/questions-and-answers/item/addictive-behaviours-gaming-disorder

Moretta, Tania; Wegmann, Elisa (2025): „Toward the classification of social media use disorder: Clinical characterization and proposed diagnostic criteria“. Addictive Behaviors Reports 21, 100603. https://doi.org/10.1016/j.abrep.2025.100603

Billieux, Joël u. a. (2015): „Are we overpathologizing everyday life? A tenable blueprint for behavioral addiction research“. Journal of Behavioral Addictions 4(3), 119–123. https://doi.org/10.1556/2006.4.2015.009

Möglicher Nutzen digitaler Kontakte und politische Reibung

Zhou, Ziyao; Cheng, Qijin (2022): „Relationship between online social support and adolescents’ mental health: A systematic review and meta-analysis“. Journal of Adolescence 94(3), 281–292. https://doi.org/10.1002/jad.12031

Feng, Hsin-Pei u. a. (2026): „Exploring the relationship between social media use and loneliness in adolescents and young adults: a systematic review and meta-analysis“. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology. https://doi.org/10.1007/s00127-026-03175-4

Bakshy, Eytan; Messing, Solomon; Adamic, Lada A. (2015): „Exposure to ideologically diverse news and opinion on Facebook“. Science 348(6239), 1130–1132. https://doi.org/10.1126/science.aaa1160

Bail, Christopher A. u. a. (2018): „Exposure to opposing views on social media can increase political polarization“. Proceedings of the National Academy of Sciences 115(37), 9216–9221. https://doi.org/10.1073/pnas.1804840115

Medienlogik und politischer Handlungsdruck

Robertson, Claire E. u. a. (2023): „Negativity drives online news consumption“. Nature Human Behaviour 7, 812–822. https://doi.org/10.1038/s41562-023-01538-4

Le Ker, Heike (2025): „Soziale Medien: Wie sie die Psyche und das Gehirn von Jugendlichen beeinflussen können“. DER SPIEGEL, 9. Dezember 2025; erstmals im Juni 2024 erschienen und später aktualisiert. https://www.spiegel.de/psychologie/soziale-medien-wie-sie-die-psyche-und-das-gehirn-von-jugendlichen-beeinflussen-koennen-a-12c58ed9-7cea-4fe4-ad37-0cdacd81518f

Weaver, R. Kent (1986): „The Politics of Blame Avoidance“. Journal of Public Policy 6(4), 371–398. https://doi.org/10.1017/S0143814X00004219

Healy, Andrew; Malhotra, Neil (2009): „Myopic Voters and Natural Disaster Policy“. American Political Science Review 103(3), 387–406. https://doi.org/10.1017/S0003055409990104

Alterskontrolle und Datenschutz

Europäischer Datenschutzausschuss (EDSA/EDPB) (2025): „Erklärung 1/2025 zur Altersfeststellung“, 12. Februar 2025. https://www.edpb.europa.eu/documents/statement/statement-12025-on-age-assurance_de

Rolle und Anreize gesetzlicher Krankenkassen

Sozialgesetzbuch V, § 20: Primäre Prävention und Gesundheitsförderung. Die Vorschrift verpflichtet Krankenkassen zu Leistungen der Prävention und Gesundheitsförderung und nennt ausdrücklich Belange von Kindern und Jugendlichen. https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__20.html

Sozialgesetzbuch V, § 4a: Wettbewerb der Krankenkassen. Die Vorschrift regelt den Wettbewerb und erlaubt Krankenkassen, um Mitglieder und für Leistungen zu werben. https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__4a.html

DAK-Gesundheit: „Unser bundesweites Vorsorgepaket für Kinder und Jugendliche“. Enthalten ist ein Mediensuchtscreening für J1 und J2. https://www.dak.de/dak/leistungen/kindervorsorge/bvkj-vorsorgepaket_93202

Abruf der Online-Quellen: 20. August 2026.