Freitag, 22. Juli 2011

Sie war da

Alin Coen verzaubert das Berliner "Lido"


Sie ist ganz schön aufgeregt. Alin Coen äugt über die 600 Zuschauer in dem ehemaligen Kreuzberger Kino. Sagt glücklich: "Ihr Wahnsinnigen." Und jubiliert mit heller Stimme: "Der Laden war fünf Wochen vorher ausverkauft!" Ihr Mikrofon pfeift. Die Sängerin schreckt zurück. Das Publikum kichert. 
Alin Coen hat sich wohl noch nicht an volle Häuser gewöhnt. Dabei sind sie auf ihrer Tour eher die Regel als eine Ausnahme. Immerhin spielte sie schon im NDR-Fernsehen bei "Inas Nacht" und im Vorprogramm von Suzanne Vega und Regina Spektor. Zuletzt war die zierliche Frau mit den markanten Gesichtszügen als Support von Philipp Poisel unterwegs. Sie hat viele Fans gewonnen. Nun bestreitet die Alin Coen Band als Headliner ihre "Wer bist du?"-Tour. So heißt auch das einzige Album der Newcomer. Es wurde im August auf dem bandeigenen Label "Pflanz einen Baum" veröffentlicht. Ein halbes Jahr später füllt das Quartett angesagte Läden in der ganzen Republik.
Nach der kanadischen Liedermacherin Miss Emily Brown legt um 21 Uhr der Top Act los. Ein nahezu meditativer Opener, dann folgen mit "Same Boat", "Wolken", "Hold" und "Wer bist du?" Songs aus dem Debüt-Album. Das Licht wirkt zurückhaltend, der Sound transparent. Drummer Fabian Stevens, Bassist Philipp Martin und Gitarrist Jan Frisch bearbeiten konzentriert ihre Instrumente. Gelegentlich singt Frisch die zweite Stimme. Showeinlagen ? Fehlanzeige. Die Musiker sind vollauf mit vertrackten Rhythmen und komplexen Melodieläufen beschäftigt. Der Frontfrau obliegt die Kommunikation mit dem Publikum. Alin Coen redet schnell und leise. Dass ihr rotes Keyboard neu sei. Dass sie das Handbuch noch nicht gelesen habe. Und dass jetzt ein schönes Lied käme, was aber noch keiner kennt. Weil es neu sei. 
Das Lied klingt tatsächlich schön. Das liegt hauptsächlich an der Stimme von Alin Coen. Sie könnte ihren Einkaufszettel absingen und würde damit hartgesottene Verkäufer zu Tränen rühren. Vielleicht lässt sich der überraschende Erfolg der Alin Coen Band damit erklären, dass ihre Musik einen buchstäblich ergreift. Aber sie kommt nicht mit Blitz und Donner. An manchen Stellen ist sie so leise, dass man die Spülbecken der Bar im Saal rauschen hört.
Es gibt viele neue Songs im Lido. Rund die Hälfte des Programms stammt nicht vom Album "Wer bist du?" Das Publikum lauscht trotzdem gebannt. Bis auf die unvermeidliche  Handvoll quasselnder Deppen, die jedes Konzert versauen.
Auffällig viele Damen mittleren Alters sind paarweise erschienen. Einige blicken sich tief in die Augen. Andere haben ihre Männer im Schlepptau. Vom geschniegelten Pharmalobbyisten bis zur tätowierten Möbelpackerin reicht das soziale Spektrum im Lido.
Der letzte Song des regulären Programms heißt "Ich war hier". Aber so einfach kommt sie nicht davon. Erst nach drei Zugaben und insgesamt anderthalb Stunden Konzert geht die Band von der Bühne. 
Irgendwann will Alin Coen Ingenieurin werden.  Sie hat Umweltschutz-Technik studiert. Hoffentlich lässt sie sich damit noch etwas Zeit.


(c) Mark Modsen 05. April 2011, erschienen in der melodie&rhythmus 03/2011

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