Freitag, 22. Juli 2011

Gossenpoesie

Haudegen ziehen blank


Sie sehen aus wie Hells Angels, die einen Zirkel Schreibender Arbeiter infiltiert haben. Ihr Musik klingt, als würden Ich + Ich mit den Böhsen Onkelz kuscheln. Auf ihren Konzerten vergießen erwachsene Männer Tränen. Fans lassen sich  das Bandlogo tätowieren. Haudegen sind angetreten, um Schubladen zu zerschlagen.
Hooligan, Türsteher, Gangsta Rapper. Aus Berlin-Marzahn. Das ist die falsche Biografie, um sich Freunde beim Feuilleton zu verschaffen. Schon gar nicht mit Liedern für den Pöbel. Aber Hagen Stoll, 36, macht nicht den Eindruck, als möchte er sich für irgendwas rechtfertigen. Sein Homie Sven Gillert, 33 , auch nicht. 
"Wir könnten uns unsere polizeilichen Führungszeugnisse an die Stirn tackern. Machen wir nicht. Die Leute, die mit dem Finger auf uns zeigen, haben wahrscheinlich selber Leichen im Keller."
Entschuldigen war gestern.
Da nannten sie sich Joe Rilla und Tyron Berlin. Halten zusammen wie Pech und Schwefel. Tummeln sich mit den Stars der Westberliner Aggro-Szene, bleiben aber die Ostler aus dem Plattenbau. Um dort für ihre Negermusik auf die Fresse zu kriegen. Und auch selber auszuteilen. Auswärts werden sie als Nazi-Glatzen aus dem Osten gedissed. Da heißt es: Hart bleiben und ein böses Gesicht machen.
Mit Anfang 30 hat Joe Rilla die Schnauze voll vom HipHop-Zirkus. Er hat jetzt eine Familie zu versorgen. Will nicht mehr Musik machen, um gehasst zu werden. Erzählt von Morddrohungen via myspace. 
Der Rapper outet sich als Fan der Böhsen Onkelz. 2008 veröffentlicht Joe Rilla das Onkelz-Tribute-Paket "Heilige Lieder" als kostenlosen Download. Im selben Jahr erscheint das Album "Deutsch-Rap Hooligan". Darauf findet sich der Track "Bevor ich geh", auf dem Sido rappt und Rilla im Refrain singt: "Komm wir lassen alte Zeiten hinter uns." 
HipHop ist Geschichte. Die Zukunft heißt Haudegen. Joe Rilla wird wieder Hagen Stoll wird Sänger. Mit seinem Freund aus Kindertagen feilt er an Songs: Sven Gillert entwickelt ein Händchen für Melodien, Hagen Stoll ein Gespür für Geschichten. Freunde von der aufgelösten Gruppe Splinter X formieren sich zur Backing Band. Die Debüt-EP verkauft sich 5000-mal. Mittlerweile kommen bis zu 350 Leute zu den Konzerten. 
"Ich dachte nicht, dass mal jemand an mich schreibt: Tausend Dank für deine Stimme, tausend Dank für deine Worte und die Hoffnung, die du mir gibst", sagt Hagen Stoll. "Das habe ich mir im HipHop immer gewünscht. Aber ein HipHopper ist viel zu cool für so etwas. Ich war ja auch so."


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Haudegen "Schlicht & Ergreifend" 
Warner 27.05.2011


Das Duo legt nach der Debüt-EP von 2010 ein Doppelalbum nach. Erstaunlicherweise handeln acht der 20 Lieder von Flucht, Abschied oder Trennung - hoffentlich kein böses Omen für die frisch gestarteten Balladenrocker. Haudegen transportieren ihre gelegentlich holprige Lyrik im Duett von Reibeisenstimme und Knabentenor. Die eingängigen Stücke werden auf der ersten CD "Schlicht" von Power-Riffs und Streicherteppichen getragen, auf der zweiten "Ergreifend" von Akustikgitarre und Piano untermalt.


Fazit: Kraftfutter für versehrte Seelen, von starker Hand gefühlvoll serviert


(c) Mark Modsen 04. April 2011, erschienen in der melodie&rhythmus 03/2011

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